Dies wird ein textlich ungewöhlich langer Schwerpunkt mit weniger Schaubildern als sonst. Dennoch empfehle ich die Lektüre sehr, und beherrschen Sie sich bitte, falls Ihnen die Wut hochkochen sollte.
Bisher haben die Regierungen schätzungsweise 2,5 Billionen Dollar für ihre Banken beschlossen (Abb. 03791). Ob das reichen wird, ist zweifelhaft. Noch hängen viele Damoklesschwerter über den Banken, vor allem die auf 62 Billionen Dollar geschätzten Credit Default Swaps. Zudem wird die sich anbahnende Weltwirtschaftskrise die Bilanzen der Banken weiter belasten, weil viele Kredite nun erst recht sauer werden. Auch Unternehmensbonds kosten immer noch teuflische 7 % Zins, wenn sie nicht Investmentgrad haben (Abb. 03636). Die Banken trauen einander weiterhin nicht, wie der hohe Liborzins beweist (Abb. 03792)



Die Börsen haben nach Bekanntwerden der Rettung einen Luftsprung getan, sind dann aber wieder eingebrochen, wie der Dax zeigt (Abb. 03717). Die rettenden Staaten verschulden sich selbst bis über die Halskrause, wie z. B. die USA mit einem starken Anziehen des Haushaltsdefizits in diesem und dem nächsten Jahr (Abb. 05087).


Die Bundesregierung versucht es über einen Schattenhaushalt. Doch am Ende wird auch der deutsche Steuerzahler dran sein. Also muß nach der Verantwortung der Bundesregierung nicht nur als strahlender Retter, sondern auch als Zündelnder am Feuer gefragt werden. Denn wenn die Schuld der Regierungen nicht verstanden wird, ist jede Abhilfe fern.
Es ist sicher nicht einfach, die Verantwortungen von Regierungen und Spitzenbankern für die globale Finanzkrise gegeneinander abzuwägen. Das ist schon deshalb schwierig, weil zwischen beiden Lagern im Zeitalter der neoliberalen Globalisierung immer engster Schulterschluß bestanden hat. Nun, wo sich der erste Pulverdampf der längst nicht beendeten Krise legt, sollte es an der Zeit sein, etwas Licht in das muffige Halbdunkel zwischen Regierungen und Finanzindustrie zu werfen. Man darf der Bundesregierung nicht durchgehen lassen, daß sie mit dem Finger nur auf die USA und die Banker zeigt, als sei sie nie Partei in diesem Spiel gewesen.
Man sollte mit einem Zitat aus dem Munde eines Menschen beginnen, der in beiden Lagern zu Hause ist und hohe Verantwortung für die Entwicklung der Finanzindustrie in Deutschland getragen hat. Professor Dr. Hans Tietmeyer sagt auf seiner eigenen Webseite ganz unbescheiden, er habe Jahrzehnte lang die Wirtschafts- und Währungspolitik der Bundesrepublik maßgeblich mitgeprägt. In der Tat war er Finanzstaatssekretär und später Bundesbankpräsident. Er ist heute Mitglied im Board der Depfa-Bank, Dublin, die die Hypo Real Estate an den Tropf öffentlicher Mittel gebracht hat, Mitglied in Aufsichts- und Beiräten von Hypo Real Estate Holding, DWS-Investment GmbH, BDO-Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Hauck & Aufhäuser Privatbankiers (Vorsitzender des Aufsichtsrates), Lazard, Fitch Ratings und Moody's Investor Service sowie in den Kuratorien von Ifo-Institut, Konrad-Adenauer-Stiftung, Ludwig-Erhard-Stiftung und Friedrich-von-Hayek-Stiftung. Nicht zuletzt ist Tietmeyer Vorsitzender des Fördervereins der neoliberalen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Da ist in diesem Tätigkeitsfeld also alles drin, was Neoliberalen lieb und teuer ist, von den Banken, Investmenthäusern, Rating Agenturen, Wirtschaftsprüfern bis zu den neoliberalen Stiftungen oder Lautsprechern für eine im Ergebnis zutieftst unsoziale Politik. Ausgerechnet diesen Tietmeyer wollte Bundeskanzlerin Merkel zum Vorsitzenden einer Expertengruppe der Bundesregierung machen, um Vorschläge für neue Regeln auf den Finanzmärkten zu erarbeiten. Merkel: „Er verfüge über sehr viel Erfahrung." Wie wahr! Wird er sich nun der Köhleraufforderung folgend vor dem deutschen Volk zusammen mit anderen Bankern entschuldigen?
Nun das Tietmeyer-Zitat vom „Weltwirtschaftsforum" 1996 in Davos vor 2000 Spitzenvertretern aus Wirtschaft, Politik und Forschung: „Ich habe bisweilen den Eindruck, dass sich die meisten Politiker immer noch nicht darüber im Klaren sind, wie sehr sie bereits heute unter der Kontrolle der Finanzmärkte stehen und sogar von diesen beherrscht werden." Dazu Jean Ziegler: „Langanhaltender Beifall. Die Staatschefs, Ministerpräsidenten und Minister, unter ihnen viele Sozialisten, akzeptierten wie selbstverständlich die Fremdbestimmung der Volkssouveränität durch die spekulative Warenrationalität des globalisierten Finanzkapitals". Das war auch eine Drohung nach dem Motto: Wenn Ihr Regierungen nicht die richtige Politik betreibt, werden Euch die Finanzmärkte abstrafen.
Jörg Asmussen, damals Leiter der besonders wichtigen Abteilung Geld und Kredit und heute Finanzstaatssekretär im Bundesfinanzministerium schrieb 2006 in der Zeitschrift für das Kreditwesen unter dem Titel „Verbriefungen aus Sicht - des Bundesfinanzministeriums":
Zur Erinnerung: ABS sind Asset Backed Securities oder Verbriefungen, die mit einem Protfolio von Vermögenswerten unterlegt sind. Dazu gehören vor allem die miesen amerikanischen Hypothekenpapiere, an denen jetzt weltweit die Banken zu ersticken drohen, falls nicht der Steuerzahler einspringt.
Und Asmussen in einer anderen öffentlichen Schrift:
2005 fragte die CDU/CSU mit den Unterschriften von Merkel und Glos ungeduldig die damalige Bundesregierung unter Schröder:
Antwort der Bundesregierung:
Nicht überraschend kam es dann im Koalitionsvertrag der Großen Koalition zum Schwur. Dort liest sich in Kapitel 3 „Finanzmarktpolitik" im Lichte der heutigen Krise und des Billionen Dollar-, Pfund- oder Euro-Blutens der Steuerzahler um den Globus herum einfach Unglaubliches:
Am meisten Verantwortung für die Krise hat die Bundesregierung bei der Bankenaufsicht der dem Bundesfinanzministerium zugeordneten Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) auf sich geladen. Da in der Marktwirtschaft praktisch alles erlaubt ist, was nicht verboten wird, trug das Amt eine schwere Verantwortung im Einschlagen von Verbotspfählen. Dazu sollten die international unter dem Namen „Basel II" verschärften Bilanzierungsregeln für Banken helfen. Basel II stellt die bedeutendste Änderung des Bankenaufsichtsrechts seit Ende der achtziger Jahre dar. Im Juni 2004 haben die Notenbankgouverneure der Zehnergruppe (G10) und die Leiter der Aufsichtsbehörden dieser Länder diese Rahmenvereinbarung über die neue Eigenkapitalempfehlung für Kreditinstitute beschlossen. Wesentliches Ziel der neuen Regelungen war es, die Kapitalanforderungen an Banken stärker als bisher vom eingegangenen Risiko abhängig zu machen sowie neuere Entwicklungen an den Finanzmärkten und im Risikomanagement der Institute zu berücksichtigen. Weitere Schwerpunkte liegen in der Vorgabe von Grundprinzipien für die qualitative Bankenaufsicht sowie einer Erweiterung der Offenlegungspflichten zur Stärkung der Marktdisziplin.
Zunächst ein Zitat aus dem Koalitionsvertrag der Großen Koalition:
Und dies aus der Pressekonferenz von Klaus-Peter Müller, Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken und Chef der Commerzbank vom November 2006, als
er der Regierung der Großen Koalition mehrere Meßlatten anlegt und noch nicht um Staatsknete anstehen mußte:
„Bürokratieabbau und bessere Regulierung, das ist Messlatte
3. Die Kreditwirtschaft ist eine der am stärksten regulierten Branchen. Gerade für sie wäre Bürokratieabbau und effiziente Regulierung ein Impuls für mehr Dynamik und mehr
Wachstum."
„Messlatte 5: die Finanzmarktpolitik. Hier sage ich in aller Deutlichkeit: Beim Thema REITs (steht für Real Estate Investment Trust, eine börsennotierte Immobilenaktie) ist
die Politik sehenden Auges dabei, eine große Chance für den Finanzplatz Deutschland zu verspielen. Kein Politiker kann doch ernsthaft glauben, dass der Kauf und Verkauf von Wohnimmobilien
unterbleibt, nur weil man den Erwerb durch deutsche REITs unterbindet. Denn neben ausländischen REITs stehen auch Private Equity-Fonds und Hedge-Fonds als Investoren bereit. Allen
Verantwortlichen muss klar sein: Wenn REITs in Deutschland nicht in vollem Umfang und rasch zugelassen werden, verlieren wir dauerhaft einen wichtigen Zukunftsmarkt."
„Um die
Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes Deutschland geht es auch bei meinem letzten Punkt, der Messlatte 6: Bankenpolitik. Zu Recht sehen die Koalitionsfraktionen die Finanzmärkte - ich
erwähnte es bereits - als Motor für Wachstum und Beschäftigung an. Innovationen und Neuerungen brauchen wir aber nicht nur bei Finanzmarktprodukten und Aufsichtsregeln. Darüber
hinaus - und vor allem - müssen die Marktstrukturen modernisiert werden. Nur so kann der Bankensektor in vollem Umfang seine positive Wirkung auf Wachstum und Beschäftigung entfalten. Und
ich frage: Woher kommt - trotz aller Erfahrungen in den letzten Jahren - der Glaube, dass „Einmauern" hilft? Woher das Misstrauen in den Markt? Woher die Scheu, Markt und Wettbewerb mehr Raum
zu geben? Deswegen und auch auf die Gefahr hin, nicht besonders originell zu sein: Wir brauchen - mehr denn je - grundlegende Strukturreformen. Wir brauchen mehr Markt und nicht mehr Staat. Die
Reformkräfte in Deutschland, zumal in der Regierung, müssen sich ungeachtet der Widerstände von innen und außen durchsetzen. Keine Frage, das ist politisch - gerade in der
Großen Koalition - nicht einfach und wird unpopuläre Schritte einschließen. Aber es führt kein Weg daran vorbei. Denn Stillstand bringt uns nicht voran.
Nun gibt es viele Fragen zur Bankenaufsicht und der damit verbundenen Rolle derBundesregierung. Da fragt die Süddeutsche Zeitung zurecht: „Wer hat eigentlich und warum die sogenannten Zweckgesellschaften genehmigt, mit denen die Banken, am Abkommen Basel II vorbei, ihre dubiosen Geschäfte gemacht haben?" So hat die spanische Regulierungsbehörde die Gründung solcher Zweckgesellschaften nicht genehmigt. Seit der Bankenrise in den 80ger Jahren achtet sie darauf, dass alle Kredite und Geldgeschäfte in den Bilanzen nachzuvollziehen sind. Dies gilt auch für die fragwürdigen Investments, die zur globalen Krise mit den Risikohypotheken in den USA und schließlich zur Finanzkatastrophe geführt haben.
Noch eine Frage: Wer hat der IKB erlaubt, die Großkreditgrenze zu manipulieren? Hierzu kommt die Antwort mit einem Prüfbericht des Bundesrechnungshofs. Die IKB, deren größter Gesellschafter die staatliche KfW war, hatte die Tochter Rhineland Funding außerhalb ihrer Bilanz geführt. Rechtlich gesehen bestand das Firmenvehikel aus vielen Einzelfirmen. Im Prüfbericht hat der Bundesrechnungshof die Bankenaufsicht BaFin und die Bundesbank kritisiert. Beide Aufsichtsbehörden hätten die Überschuldung erkennen können. Bereits 2002, so heißt es im Prüfbericht, beschäftigte sich die Bundesbank mit der Frage, ob die Rhineland Funding nicht als einheitlicher Kreditnehmer betrachtet werden müsse. Dann aber hätte die IKB wegen der gesetzlichen Großkreditgrenzen nur für maximal 500 Millionen Euro US-Hypothekenkredite kaufen dürfen, nicht aber für 15 Milliarden Euro. Doch Bundesbank und BaFin verneinten diese Frage noch nach Beginn der Finanzkrise im Sommer 2007 - obwohl selbst die Wirtschaftsprüfer der IKB zum gegenteiligen Ergebnis kamen.
Der Bundesrechnungshof kritisiert in seinem Prüfbericht auch die Aufgabenverteilung im Bundesfinanzministerium. Dort habe es beim zuständigen Leiter der Abteilung VII eine derartige Bündelung von Aufgaben gegeben, dass eine Interessenkollision bei der Bankenaufsicht nahe gelegen habe. Die Prüfer könnten „nicht nachvollziehen, welche Gründe das Bundesfinanzministerium bewogen haben, eine Interessenkollision auszuschließen", heißt es in dem Bericht. „Nach Auffassung des Bundesrechnungshofes ist nicht auszuschließen, daß die Organisation der Abteilung VII des BMF, insbesondere die Konzentration aufsichtlicher und lenkender Aufgaben hinsichtlich KfW, IKB, Bafin sowie der Bundesbank, zu Interessenkollisionen führen konnte", schreiben die Prüfer. „So ist vorstellbar, dass insbesondere Aspekte der Bankenaufsicht mit Interessen aus der Aufsichtsratstätigkeit bei der IKB kollidierten." Der BMF-Abteilungsleiter Asmussen war sowohl Mitglied im Verwaltungsrat der BaFin, die die IKB zusammen mit der Bundesbank beaufsichtigt, als auch im Aufsichtsrat der IKB selbst - er hat sich mithin (nicht sehr erfolgreich!) selbst kontrolliert.
Derselbe Asmussen, der im Aufsichtsrat der IKB saß und dort nichts von den gefährlichen Geschäften gemerkt haben will, ist übrigens vor wenigen Wochen auch noch als Dank des Vaterlandes zum Finanzstaatssekretär unter Steinbrück befördert worden.
Fazit: Die Bundesregierung hat an dieser Krise entscheidend mitgezündelt. Umso komischer wirkt der Spruch von Steinbrück: „Wenn es auf dem Finanzmärkten brennt, muss gelöscht werden, auch wenn es sich um Brandstiftung handelt." Wen meint er wohl?
Hierzu auch meine neue Broschüre „Weltwirtschafskrise II".