Reihe 64 ab 04-12-09 ... ...

(1849) Die beunruhigenden Geheimnisse hinter dem Börsenboom und der angeblichen Stärke der Deutschen Bank

(1848) Sozialer Rückblick auf 2009

(1847) Rote Karte für das System: Deutschland braucht einen neuen Sozialvertrag

(1846) Warum schwieg Horst Köhler?

(1845) Das Jahrzehnt der Ungleichheit nach Gini

(1844) Warum die Krise noch lange nicht zu Ende kommen kann

(1843) Noch einmal: Der Markt für gewerbliche Immobilien versinkt immer mehr in der Krise (und mit ihm viele Banken)

(1842) Wieder zwei geschönte Konjunkturmeldungen vom Bau und den PKW-Zulassungen

(1841) Amerikanische Haushalte und Unternehmen schneiden ihre Nachfrage zurück: Die Lokomotive der Weltwirtschaft auf dem Abstellgleis

(1840) Kaum Lohnsteigerungen, aber in der Krise weiterer Anstieg der psychischen Erkrankungen (jetzt häufigste Einzeldiagnose bei stationärer Behandlung)

(1839) Von der Arroganz des Geldes und der Banken

(1838) Banken in Deutschland: Zu viele, zu viele kleine und meist miserable Kundenberatung

(1837) Deutschland läßt die Banker-Boni laufen - anders Großbritannien und jetzt auch Frankreich

(1836) Weiter schlechte Zahlen aus der gewerblichen Wirtschaft: Beschäftigungs- und Entgelt-Rückgang hält unvermindert oder kaum vermindert an

(1835) Die Hartz IV-Falle: Nur 32 % finden nach Ausstieg ein normales Arbeitsverhältnis

(1834) Die Kohle ist der Hauptklima-Sünder und warum die chinesischen Emissionen so wichtig sind

(1833) Mit ihrer starken Exportabhängigkeit bleibt die deutsche Industrie auch im Oktober unter den EU-Fußkranken

(1832) Die Finanzmärkte fangen nun an weiteren Stellen Feuer: Hypothekenpapiere auf kommerzielle Immobilien sowie Staatsanleihen

(1831) Kopenhagen, unser Lebensstil und die Weltbevölkerung

(1830) Die Derivate kommen wieder und was das bedeutet

(1829) Kopenhagen nur ein riesiges Täuschungsmanöver?

(1828) Amerikanische Anleger bleiben vorsichtig

(1827) Die deutsche Wirtschaft klebt an der Talsohle: Nun auch Industrieumsatz im Oktober: -0,7 % zu September 09 und minus 13,9 % zu Oktober 2008

(1826) Nach den Aufträgen bricht nun auch die Industrieproduktion wieder weg: „Double Dip" läßt grüßen

(1825) Unternehmensinsolvenzen +17,4 %, Handwerksumsatz minus 5,1 %

(1824) Trotz aller falscher Aufschwungseuphorie: Die Industrieaufträge kommen nicht aus dem Keller

(1823) Beim Aufstieg aus dem statistischen Tal ist alles eine Frage der Perspektive: Beispiel Stahlproduktion

(1822) Die Wahrheit zur Erderwärmung

(1821) Vom Wachstumsschwindel




global news 1849 28-12-09: Die beunruhigenden Geheimnisse hinter dem Börsenboom und der angeblichen Stärke der Deutschen Bank

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Der Dax Börsenindex und die Indizes anderer Weltbörsen steigen und steigen, der Dax seit März bereits um 67 % (Abb. 14850). Wo kommt eigentlich das Geld her, das die Spekulation weit über die volkswirtschaftlichen Verhältnisse selbst in der Krise der Realwirtschaft so nach oben treibt?


Weitgehend kommen die Mittel aus dem Geldmarkt, wo sie kurzfristig und sicher geparkt wurden, nachdem die amerikanische Regierung die Garantie auch auf den Moneymarkt ausgedehnt hatte. Angesichts niedrigerer Zinsen für Staatspapiere lief hier eine Riesenwelle an Geld von im längerfristigen Durchschnitt um die 1,9 Billionen Dollar hoch auf 3,9 Billionen Dollar Anfang dieses Jahres (Abb. 14851). Die Differenz von 2 Billionen Dollar entsprach einem Stapel von 100 Dollarscheinen 566 km hoch aufgetürmt. Seitdem geht es wieder abwärts, auch weil nun die Anlage in Aktien profitabler erscheint und ausreichend sicher. Doch bei jetzt noch 3,3 Billionen Dollar bleibt noch viel, was die Blase am Aktienmarkt weiter aufblasen kann - bis sie platzt. Schöne Aussichten!


Die Deutsche Bank erschien bisher wundersamerweise als einer der großen Gewinner der Krise. Zwar wissen wir nicht, welche Verluste noch in der Bilanz versteckt sind. Doch hat sich die Deutsche Bank nicht in die Schlage nach staatlichen Stützgeldern einordnen müssen. Nun kommen beunruhigende Nachrichten aus USA, die sich wie ein Krimi lesen (deswegen hier in fast voller Länge). Nach einem Bericht der „New York Times" (NYT) vom 24. 12., für dessen Richtigkeit ich mich natürlich nicht verbürgen kann, hat die US-Börsenaufsicht ein Verfahren gegen die Deutsche Bank und einige andere Wallstreetbanken eingeleitet, weil sie Hypothekenpapiere (Collaterized Credit Obligations oder CDOs = Schuldpapiere mit Pfandsicherung) verkauft und dann selbst durch Shorten der Papiere sehr profitabel auf deren Wertverfall und Verluste der Kunden gewettet haben sollen.

Für den Fall, daß die Ermittler ihre Vorwürfe erhärten können und die Banken gegen Wertpapiergesetze oder Regeln des fairen Handels verstoßen haben sollten, drohen den Instituten drastische Geldstrafen. Die Untersuchung soll auch der Frage nachgehen, ob die Banken beim Aufsetzen der Papiere besonders riskante Hypotheken ausgesucht haben, die besonders leicht verloren gehen und die Kunden mit Milliarden Dollar an Verlusten belasten würden, sobald der Immobilienmarkt zusammenbricht. Kritiker halten das ganze Wettsystem für anrüchig, weil auf diese Weise lediglich Spekulationsgeschäfte abgesichert wurden, ohne daß die Institute ein eigenes abzusicherndes Risiko hatten.

In 2006 wurde ein neuer Index an Wallstreet eingeführt: ABX. Der Index faßte Hypothekenpapiere zusammen und wurde zu einem Instrument, um für oder gegen eine Wertentwicklung zu wetten, wie das auch bei Aktien geschieht. Die Banken und besonders Goldman machten auf diese Weise mit Wetten auf einen Zusammenbruch des Immobilienmarktes große Gewinne. Im Dezember 2006 entschied der Vorstand von Goldman, die Zukunft des Immobilienmarktes negativ zu behandeln, informierte aber bewußt nicht die Öffentlichkeit. Seit 2004 schuf Goldman Anlagen in einem neuen Papier mit dem Namen „Abacus" und legte bis 2008 25 Ausgaben des Abacus im Wert von 10,9 Milliarden Dollar auf. Mit Abacus konnte man für oder gegen die Hypothekenpapiere, an die Abacus gebunden war, wetten, ohne das Abacus die Hypothekenpapiere selbst enthielt. Das ganze lief über Credit Default Swaps oder abstrakte Wetten auf den Verlust oder Gewinn dieser Hypothekenpapiere. Doch statt Abacus den Kunden für negative Wetten anzubieten, behielt Goldman die meisten selbst für eigene Wetten und stellte sie nur ausnahmsweise einigen Hedgefonds zur Verfügung. Die Goldman-Händler taten von Anbeginn alles, damit die Hypothekenpapiere hinter Abacus besser aussahen, als sie waren. Doch nach einer Studie der schweizer Bank UBS zu 500 hypothekengestützten Wertpapieren entwickelten sich nur ganze zwei schlechter als Abacus und damit waren sie ideal für die Verlustwetten von Goldman und anderen. Im Oktober 2006 legte Goldman mit „Hudson Mezzanine" einen weiteren CDO auf, der für 800 Millionen Dollar verkauft wurde, und an die Entwicklung des Immobilienmarktes gebunden war. Doch Goldman soll erhebliche Wetten gegen dieses Papier abgeschlossen haben. Nach einer Information an Hudson-Investoren haben diese ungefährt 310 Millionen Dollar an Goldman und andere Banken, die gegen das Papier gewettet hatten, gezahlt.

Es kam aber noch schlimmer. Anfangs 2005 traf sich eine Gruppe von prominenten Wertpapierhändlern im Büro der Deutschen Bank in New York und schuf ein neues System mit dem Namen „Pay as You Go". Damit würde der Gewinn aus Wetten gegen Hypothekenpapiere schneller ausgezahlt werden. Auch wurde eine Veränderung vorgesehen, die den Gewinnfall bei Wetten gegen diese Papiere leichter eintreten ließ. Nun mußten die Hypotheken nicht mehr ausfallen, sondern reichte schon eine Herunterstufung durch die Kreditbewertungsagenturen. Dann wurden CDOs geschaffen, gegen die man mit besonders niedriger Prämie wetten konnte. Einige Abacus von Goldman sahen vor, daß die Wetten auf den Verlust des Papieres zu einem Mehrfachen des Wertes des Papieres, das Sechs- bis Siebenfache, abgeschlossen werden konnten.

Bei Deutsche Bank forderte der Händler Greg Lippmann einige Hedgefond-Kunden der Bank auf, gegen den Immobilienmarkt zu wetten. Er verteilte sogar zeitweise T-Shirts, auf denen stand: „Ich wette auf den Verlust Deines Hauses!!!". Gleichzeitig verkaufte die Deutsche Bank CDOs an ihre Kunden, was für Lippmann und Andere weitere Papiere zum Shorten ergab.

Sylvain R. Raynes, ein Experte in solchen Papieren, erklärte der NYT:

„Der gleichzeitige Verkauf von Wertpapieren und das Wetten auf deren Notleiden ist der zynischste Gebrauch von Kreditinformation, den ich jemals gesehen habe. Wenn Sie eine Versicherung auf ein selbst kontrolliertes Ereignis kaufen, ist das, wie eine Feuerversicherung auf ein fremdes Haus zu kaufen und dann dort Feuer zu legen."

Soweit der Bericht der NYT. Man muß in der Tat fragen, ob die Deutsche Bank, die stark im Geschäft mit minderwertigen amerikanischen Hypothekenpapieren involviert war und die auch an die deutschen Landesbanken, die unglückliche IKB und andere deutsche Banken weiterverkauft hat, nicht als Insider über ihre USA-Filliale genau wußte, wie dünn das Eis wirklich war, auf das diese Papiere gebaut waren und deshalb profitsüchtig diese Papiere geshortet hat.


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global news 1848 28-12-09: Sozialer Rückblick auf 2009

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Wenn man auf die soziale Entwicklung in 2009 zurückblickt, so muß man die Einkommensentwicklung und die echte Entwicklung am Arbeitsmarkt ins Visier nehmen. Man darf auch das Schicksal der bereits Arbeitslosen oder Kurzarbeiter am Rande der Arbeitslosigkeit nicht vergessen.

Nach den letzten Zahlen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für das dritte Quartal lag die Nettolohn- und Gehaltssumme um 1,8 % unter dem Vorjahreswert. Im Vorquartalsvergleich gab es zwar ein kleines Plus von 0,9 %, doch wuchsen die Unternehmens- und Vermögenseinkommen schon wieder um 11,6 % bei einer Steigerung des Dax Börsenindex um 67 % seit März 2009, die in der Einkommensentwicklung nicht einmal enthalten ist (Abb. 14849, 14850).



Entsprechend der Entwicklung der Masseneinkommen und der Arbeitslosigkeit ist der Einzelhandelsumsatz über das Jahr bis Oktober um weitere 1,7 % gefallen (Abb. 04943).


Auf dem Arbeitsmarkt ging die Beschäftigung immer weiter zurück (Abb. 14041), obwohl dieser Begriff in der amtlichen Statistik nicht einmal die vielen Minijobs, Trainingsmaßnahmen und andere Überbrückungen umfaßt, die praktisch Arbeitslosigkeit bedeuten und nur unter „Unterbeschäftigung" ausgewiesen werden. Einschließlich des Beschäftigtenäquivalents Kurzarbeit betrug die Unterbeschäftigung im Juni 4,93 Mio oder 16 Prozent mehr als im Juni 2008 (für die Zeit nach Juni sind noch keine Kurzarbeiterzahlen vorhanden).


Bei der Arbeitnehmerüberlassung, die vornehme amtsdeutsche Umschreibung für Leiharbeit, kam es zum sechsten Mal in Monatsfolge zu einem kräftigen Beschäftigungsrückgang um 20 % oder 153.000 gegenüber Vorjahr. Diese Arbeitnehmer fliegen nun als erste auf die Straße. In den Vorjahren war der Aufbau an Beschäftigung zum größten Teil auf diese unsicheren und in der Regel schlecht bezahlten Zeitverträge entfallen (Abb. 14527). Die Zahl der Arbeitslosen und der 6 Millionen Arbeitslosengengeldempfänger klafft immer weiter auseinander: Nur noch 53.9 % werden als arbeitslos registriert werden (Abb. 04980).



Die Langzeitarbeitslosigkeit ist in Deutschland die fünfthöchste aller Vergleichsländer, dies trotz vieler Manipulationen an der Statistik (Abb. 12999).


In den Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes waren Ende Oktober 2009 4,6 % weniger Personen als im Oktober 2008 tätig. Seit Januar 1995 ist der Rückgang der Beschäftigtenzahl im Vergleich zu einem Vorjahresmonat noch nie so stark gewesen wie in diesem Monat. Die Zahl der im August 2009 geleisteten Arbeitsstunden nahm im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat um 8,9 % ab. Die Entgelte (Bruttolohn- und Bruttogehaltsumme) verringerten sich gegenüber Oktober 2008 um 6,6 % (Abb. 04009). Im Oktober lagen alle Daten der gewerblichen Wirtschaft für Aufträge, Produktion und Umsatz tief im Minus (Abb. 14564).



Sowohl die Arbeitsstunden, wie das Arbeitsentgeld sind schon seit dem vergangenen Jahr zurückgegangen (Abb. 14710, 14712). Da die gewerbliche Wirtschaft noch vergleichsweise gut bezahlt und mehr Tarifbindung hat, dürfte die Gesamtsituation in der Gesamtwirtschaft noch schlechter sein.



Die Unternehmensinsolvenzen steigen immer höher. Im September 2009 haben die deutschen Amtsgerichte fast 3.000 Unternehmensinsolvenzen gemeldet. Das waren 17,4% mehr als im September 2008 (Abb. 14602). Die Verbraucherinsolvenzen lagen im September 2009 mit fast 9000 Fällen um 7,4% höher als im Vorjahresmonat.



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global news 1847 27-12-09: Rote Karte für das System: Deutschland braucht einen neuen Sozialvertrag

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Deutlicher hätte der Vertrauensentzug für das politische und wirtschaftliche System Deutschlands nicht ausfallen können. Ausgerechnet die konservative Bertelsmann-Stiftung hat das in einer Studie anhand von Tiefeninterviews jetzt festgestellt („Vertrauen in Deutschland, eine qualitative Wertestudie"). Danach haben nur noch 31 Prozent ein entgegen dem gesellschaftlichen Gesamttrend relativ hohes Vertrauen und hoffen auf eine Verbesserung des bestehenden Systems. Eine zweite Gruppe von etwa 24 Prozent erklärt sich zwar mit dem bestehenden System grundsätzlich einverstanden, fordert aber einen tiefgreifenden Zielwechsel und eine Neudefinition in zahlreichen Bereichen. Eine dritte Gruppe von ungefähr 20 Prozent der Befragten verlangt als Konsequenz einen "Systemwechsel" in Bezug auf Marktwirtschaft und Demokratie mit mehr Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürger. Und 25 Prozent der Befragten erklären, dass sie ihr Vertrauen in "das System" grundsätzlich verloren haben. Sie glauben nicht, dass es überhaupt eine Lösung für ihr Vertrauensproblem gibt. (Abb. 14848).


Die Studie liest sich wie alles, was das Infoportal seit Jahren berichtet, vor allem daß der breitflächige Vertrauensverlust bereits vor vielen Jahre als Folge der neoliberalen Form der Globalisierung einsetzte. Hier Auszüge aus der Pressemitteilung der Bertelsmann-Stiftung:

„Inzwischen müssen ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung als weitgehend resigniert eingeschätzt werden. Beinahe jeder Zweite wünscht sich dabei mittlerweile einen "Systemwechsel" in Bezug auf repräsentative Demokratie oder Marktwirtschaft. Danach ist der breitflächige Vertrauensverlust weniger eine direkte Folge der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise, sondern setzte bereits vor Jahrzehnten als Folge der Globalisierung ein. Kurzfristiges Krisenmanagement zeigt sich danach wenig geeignet, das verlorene Vertrauen zu festigen. Als neue Vertrauensanker werden am ehesten eine Wende zu umfassender Nachhaltigkeit, vielfältiger Beteiligung an Entscheidungsprozessen sowie Förderung von Bildung und Familie gesehen.

Im Fazit der Erhebung zeigten 70 Prozent der qualitativ Befragten an, dass sie kaum noch Vertrauen in die Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft oder in die sozialen Sicherungssysteme haben. Sie sind resigniert, sehen die aktuelle Situation sehr kritisch und haben nur wenig Vertrauen in die weitere Entwicklung der Lebensbedingungen in Deutschland. Als Ursache für diesen Vertrauensverlust werden zunächst eindeutig die jüngeren Entwicklungen des internationalen Finanzmarktes und der Politik in Deutschland benannt. Mängel werden besonders auch im deutschen Sozial- und Bildungssystem gesehen. 73 Prozent sind zudem ohne Hoffnungen auf eine nachhaltige Verbesserung der Situation auf den Finanzmärkten. Erwartet wird lediglich, dass sich die Situation in den kommenden Jahren allenfalls normalisiert.

Befragt nach der Einschätzung der Lebensbedingungen in den 60er und 70er Jahren wurden vor allem wertschätzende Formen der Zusammenarbeit, "Wohlstand durch Wachstum" sowie Kompetenz und Glaubwürdigkeit der damaligen Entscheidungsträger hervorgehoben. Mit den 90er Jahren verbinden die Befragten zunehmend stärker die Förderung von Leistungseliten und eine vom Bürger entkoppelte Interessenvertretung. In dieser Zeit sei soziale Ungerechtigkeit zunehmend als eine Art "Kollateralschaden" der gegenwärtigen Verhältnisse und der Wachstumsstrategie hingenommen worden. Die Grundursache dafür liegt in den Begleiterscheinungen und Folgen der Globalisierung und lange vor dem Platzen der Internet-Blase oder der aktuellen Wirtschaftskrise. Mit der Zeit um die Jahrtausendwende verbinden die Befragten auch zunehmend das bewusste Abgeben falscher Versprechungen, den profitgierigen Raubbau an Mensch und Umwelt und die Förderung von ungezügeltem Egoismus.

Auch im Vergleich mit den Lebensbedingungen in anderen Ländern schneidet Deutschland in der Sicht der Befragten schlecht ab. Die Lebensbedingungen etwa in den Schwellenländern in den 60er und 70er Jahren werden sehr negativ bewertet. Seitdem sehen die Befragten jedoch eine kontinuierliche Verbesserung. In den kommenden Jahren werde die Situation dort ebenfalls besser werden als in Deutschland.

Keine der Unternehmensformen „Familienunternehmen", "mittelständische Unternehmen" und „multinationale Konzerne" wird mit langfristiger Zukunftssicherung verbunden. Multinationale Konzerne werden als lobbyistisch, gierig und wirklichkeitsfern wahrgenommen.

Schlecht weg kommen in der Einschätzung der Deutschen vor allem die gegenwärtigen Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik. Die Verantwortlichen in der Wirtschaft werden überwiegend mit Lobbyismus, Gier und Abkoppelung von der Wirklichkeit in Verbindung gebracht. Weitere Kritikpunkte an Politikern sind Machtgier und leere Versprechungen.

Auch die Maßnahmen zur Überwindung der Krise ließ danach die Deutschen in den vergangenen Monaten nur wenig neues Vertrauen schöpfen.

Wenn jeder Vierte ernsthaft an der Wirksamkeit demokratischer Prinzipien zweifelt, besteht die große Gefahr, dass sich der Trend zu politischer Abstinenz und Wahlverweigerung fortsetzt. Auch der politische Populismus dürfte mit der weit verbreiteten Unzufriedenheit in Deutschland ein gut gedüngtes Feld vorfinden. Unter der Oberfläche von Resignation und Frustration entwickelt sich auf der Werteebene ein enormes Bereitschaftspotenzial für Partizipation. Unabhängig von den etablierten Parteien, den Massenmedien und professionellen Plattformen bahnt sich dieser Wille zur Beteiligung bereits machtvoll seinen Weg. Der Leiter der Studie Prof. Dr. Peter Kruse schätzt dieses Potenzial auf 20 bis 30 Prozent - und damit ähnlich groß und mächtig wie die Basis der Ökologiebewegung in ihren Anfängen."

Aus meiner Sicht kann heute nur ein neuer, die Politik fest bindender Sozialvertrag helfen. Der Gedanke des Sozialvertrags („contrat social") als Staatsgrundlage wurde 1762 von dem französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau entwickelt. Rousseau gilt als einer der wichtigsten geistigen Wegbereiter der Französischen Revolution. Nach seiner Auffassung ordnet sich jeder Bürger zum Zwecke eines rechtmäßig geordneten gesellschaftlichen Zusammenlebens freiwillig einem Gesellschaftsvertrag unter. Dessen Grundlage ist der Gemeinwille, welcher absolut und auf das Wohl des ganzen Volkes gerichtet ist. Der Vertrag wurde eingegangen, um den Einzelnen zu schützen. Heute jedoch schützt uns der Staat vor vielen Gefahren nicht mehr oder nicht mehr ausreichend, z.B. vor Sozialdumping aus der neoliberalen Globalisierung und überhaupt dem Verlust sozialer Rechte, der Übermacht des Kapitals vor der Arbeit, vor den Schäden aus ungezügelten Finanzmärkten oder dem Verlust einer menschenwürdigen Umwelt.

Doch es gibt keine Grund zum Verzweifeln. Deutschland - wie andere europäische Länder - kann sich immer noch aussuchen, ob es Opfer der neoliberalen Weltrevolution sein will (Zitat aus meinem vor fünf Jahren geschriebenen Buch „Deutschland global?"). Dafür allerdings brauchen wir in der bundesdeutschen Verfassung, dem Grundsgesetz der Bundesrepublik Deutschland, dieselben Regeln über Volksbegehren und Volksentscheid, die die bayerische Verfassung seit 1946 hat. Nur auf diesem Wege wäre ein neuer Sozialvertrag durchzusetzen, der nicht an den Eigeninteressen der Spitzen aus Wirtschaft und Politik scheitern müßte.


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global news 1846 26-12-09: Warum schwieg Horst Köhler?

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Noch bis in die Weihnachtsansprache 2006, wenige Monate vor Ausbruch der Krise, galt für Bundespräsident Köhler die heile Welt. Dabei hatte die Internationale Bank für Zahlungsausgleich schon lange gewarnt. Schon zu seinen Zeiten als IWF-Chef waren in USA, Deutschland und anderswo die Weichen Richtung Krise geschaltet worden. Kein Köhler-Wort der Warnung oder Vorbereitung auf das Unglück. Statt dessen Selbstzufriedenheit:

„Es war ein gutes Jahr für Deutschland. Unsere Produkte sind weltweit gefragt, und die Reformen der vergangenen Jahre beginnen zu greifen. Die Mühe hat sich gelohnt."

Die Zeichen standen schon zu Köhlers Zeit an der Spitze des IWF übergroß an der Wand. Warum schwieg Köhler? Dazu der neue Schwerpunkt „Der Bundespräsident, der aus der Finanzwirtschaft kam", der sich auch mit der Weihnachtsansprache von 2009 auseinandersetzt.


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global news 1845 24-12-09: Das Jahrzehnt der Ungleichheit nach Gini

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In den Jahren seit 2000 ist im Zeichen einer neoliberalen Globalisierung die Ungleichheit der Einkommen fast überall in der Welt noch weiter gestiegen. Das läßt sich besonders gut mit dem Gini-Koeffizienten messen, der bei absoluter Gleichheit auf 0 steht und bei absoluter Ungleichheit auf 1.

Besonders stark war der Anstieg der Ungleichheit in China: nach den Zahlen der Weltbank von 0,40 in 2001 auf 0,47 in 2007. 0,4 ist nach Weltbank die Warnlinie. Doch die gilt für China nicht, weil hier KPC und das Militär für Ordnung sorgen. Mit 0,47 liegt der Koeffizient nun höher als in allen anderen Entwicklungsländern. Vor den Wirtschaftsreformen lag er noch bei 0,16. Mit seiner Rekord-Ungleichheit, seinen Niedrigsteinkommen und seiner Exportexpansion nimmt China gleichzeitig einen erheblichen negativen Einfluß auf die Lohnentwicklung in anderen Ländern, wo es mit seinen Produkten die Märkte erobert und trägt dort zu wachsender Ungleichheit bei. Abb. 15026 zeigt die Entwicklung des Gini-Koeffizienten für China und Deutschland zwischen 2001 und 2007. Abb. 03455 bringt die Entwicklung für Deutschland seit 1997.



Innerhalb der EU hatte Deutschland in den letzten Jahren die stärkste Bewegung in Richtung Ungleichheit. Hier kann mit dem Verhältnis des obersten Fünftels der Einkommensbezieher zum untersten, dem sogenannten 80-20 Verhältnis, gearbeitet werden (Abb. 14846, 12247). Diese Entwicklung legte im Krisenjahr 2008 eine Verschnaufpause ein, doch in 2009 bekamen die Kapitaleinkommen des oberen Fünftels wieder Wind unter die Flügel.



Unter dem Titel „Die trostlose Heimat des Hampelmann" bringt die Saarbrücker Zeitung einen augenöffnenden Bericht zu den Arbeits- und Einkommensbedingungen in der chinesischen Holzspielzeugindustrie von Yunhe, die die Hälfte des Weltmarktes versorgt. Hier Auszüge:

„Die meisten Angestellten arbeiten zu Minimallöhnen, ohne Verträge oder soziale Absicherung. Zehn Stunden lang malt Liu Xiaoying täglich mit einem spitzen Pinsel Pupillen in das Gesicht von Hampelmännern. Für jedes Auge erhält sie 1,7 chinesische Fen (0,17 Cent). An guten Tagen schafft sie bis zu 2500 Farbtupfer - macht etwas über vier Euro. Das reicht gerade, um Diandian (die Tochter) zur Grundschule zu schicken. Die Sicherheitsvorkehrungen in den Fabriken beschränken sich meist auf ein paar Schilder, die pro forma an der Wand hängen. So sind etwa die Arbeiter der Firma Yifa, die sich auf die Herstellung von Schaukeltieren spezialisiert hat, Staub und Lackdämpfen völlig ungeschützt ausgesetzt. Professioneller Lungenschutz ist den Fabrikbesitzern zu teuer.

Der deutsche Ladenpreis beträgt in der Regel das Zehnfache der Herstellungskosten."

So treiben die etwa 1,4 Milliarden Niedrig- und Niedrigstlöhner, die meist erst seit dem Fall der Berliner Mauer aus Osteuropa, China und anderen exportorientierten Schwellenländern vom globalen Kapital in die Weltwirtschaft integriert werden, die Arbeitnehmer der alten Industrieländer vor sich her den sozialen Hang hinunter und gleichzeitig die Profite der Unternehmen aus diesen Ländern und die Einkommen der Kapitaleigner nach oben. In seiner Weihnachtsansprache kritisiert der Bundespräsident wieder einmal die Maßlosigkeit bei Finanzakteuren (in einer Industrie, zu der er selbst einmal gehört hat). Doch er verliert wieder kein Wort über die Maßlosigkeit des oberen Fünftels, zu dem er auch gehört.


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global news 1844 22-12-09: Warum die Krise noch lange nicht zu Ende kommen kann

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Die Weltwirtschaft ist bisher noch längst nicht in Ordnung gekommen. Die Notprogramme der Notenbanken und Regierungen haben an die Stelle der geplatzten Kreditblase und meist zusätzlich daneben ähnlich hohe künstliche Liquiditäten gestellt. Doch die lassen sich nicht mehr beliebig hochfahren, da schon die nächste Blase aus der so erneut angefeuerten Spekulation droht und da die Regierungen mit ihren Ausgabeprogrammen immer mehr an die Verschuldungsgrenzen stoßen. In Europa war die Herunterstufung der Qualität griechischer Staatsanleihen ein deutliches Warnsignal.

Wie groß die Ungleichgewichte immer noch sind, zeigt sich in den heute von Eurostat veröffentlichten Handelsbilanzen. Innerhalb der EU sind vor allem Großbritannien, Frankreich, Spanien und Griechenland, Portugal und Italien z.T. sehr stark im Defizit. Zusammen kommen sie im Zeitraum Januar bis September 2009 auf knapp 183 Mrd Euro. Dem stehen vor allem Deutschland, Niederlande und Irland mit einem Überschuß von fast 150 Mrd Euro gegenüber (Abb. 15025). Vor allem Deutschland trägt mit seinen Exportüberschüssen zu den Ungleichgewichten innerhalb der EU bei: gegenüber den genannten sechs Defizitländern hält es noch immer einen ungesunden Überschuß von 55 Mrd Euro.


Global behauptet neben Deutschland vor allem China einen gewaltigen Überschuß von 175 Mrd Dollar oder 122 Mrd Euro (Januar bis September 2009), davon allein 99 Mrd Euro mit der EU.

Im Finanzbereich sind die von Haushalten und Unternehmen zusammengebrachten Kreditvolumina bis zum Ausbruch der Krise gigantisch gestiegen und sind seitdem erst wenig zurückgeführt worden (zu den amerikanischen Abb. 05217). Man muß sich das wieder einmal in übereinandergestapelten 100 Dollar-Scheinen vorstellen. Die Derivate kamen per Mitte dieses Jahres nominal dann auf einen Turm von unfaßbaren 171193 km oder mehr als dreizehnmal den Erddurchmesser (zu Bruttomarktwerten saldiert waren es immer noch 7074 km). Das Kreditvolumen der amerikanischen Verbraucher und Unternehmen brachte es im 3. Quartal 2009 auf 6982 km, und die strukturierten Papiere, die international gehandelt wurden, türmten sich immer noch auf 707 km (Abb. 16658). In Ein-Dollarscheinen gingen einige Türme bis zum Mond und noch darüber hinaus, vor allem die Derivate brächten es 42-mal zum Mond, das amerikanische Kreditvolumen immer noch 1,7-mal bis dahin, also fast hin und zurück.



Auch in Deutschland gehen angesichts so unsicherer Wirtschafts- und Finanzverhältnisse, vor allem wachsender Arbeitslosigkeit und drohender Steuererhöhungen zur Haushaltssanierung, die Verbraucher zunehmend auf die Bremse, wie der Einzelhandelsumsatz zeigt (Abb. 04943). Die Gesellschaft für Konsumklima (GfK), deren Umfrageergebnisse immer meilenweiter schöner als die Einzelhandelsentwicklung waren, muß nun auch in der heutigen Meldung immer weiter nach unten korrigieren (Abb. 04711).




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global news 1843 21-12-09: Noch einmal: Der Markt für gewerbliche Immobilien versinkt immer mehr in der Krise (und mit ihm viele Banken)

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Immer mehr gewerbliche Immobilien stehen leer. Die Mieten fallen immer mehr. Die durchschnittliche Vakanzenrate in der EU liegt schon bei 8,7 %. Der Mietindex fällt immer weiter und lag im dritten Quartal 2009 schon um 11,1 % unter dem Vorjahreswert (Abb. 16657).


Viele Immobilien sind mit hohen Kreditanteilen finanziert worden. In USA steht ein Kreditvolumen von 3,4 Billionen Dollar aus, von dem 1,4 Billionen Dollar bis 2012 fällig werden. Bis zu 70 % der Investitionen laufen auf Kredit, was viele Banken in die Krise hineinzieht. In Großbritannien verdoppelte sich die Ausfallrate solcher Kredite innerhalb eines Jahres auf 30 Mrd Pfund; 100 Mrd Pfund müssen über die kommenden drei Jahre refinanziert werden.

Allein in USA stieg das Volumen von Hypotheken auf kommerzielle Immobilien zwischen 2005 und 2008 um nicht weniger als 34,4 % auf 2,6 Billionen Dollar. In übereinandergeschichteten 100-Dollar-Noten gäbe das einen Turm von 736 km Höhe, davon 253 km in drei Jahren dazugekommen. Wie bei Hypotheken auf privaten Wohnraum wurden auch hier in großem Umfang international gehandelte Papiere geschaffen („commercial mortgage-backed securities" = CMBS). Im Verlauf der Krise stiegen und steigen nun immer mehr die Ausfälle dieser CMBS. Nach Moody's lagen sie Ende November bereits bei 4,5 % aller CMBS; zu Beginn des Jahres waren es erst etwa 1 %. Insgesamt sind damit nach einem steilen Anstieg über die letzten 12 Monate schon 23 Milliarden $ an CBMS notleidend (Abb. 16654).



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global news 1842 21-12-09: Wieder zwei geschönte Konjunkturmeldungen vom Bau und den PKW-Zulassungen

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Unter der schönen Überschrift „Aufträge im Bauhauptgewerbe im Oktober 2009: real + 0,7% zum Vorjahr" meldet das StaBuA heute:

„ .. sind im Oktober 2009 die im Vergleich zum Oktober 2008 preisbereinigt um 0,7% gestiegen. Während die Baunachfrage im Hochbau um 3,9% abnahm, erhöhte sie sich im Tiefbau um 5,6%. Der Gesamtumsatz belief sich im Berichtsmonat auf - 1,8% gegenüber Oktober 2008."

An dieser Meldung stört zweierlei. Erstens wird schon in der Unterscheidung zwischen Hoch- und Tiefbau klar, daß nur der durch Staatsaufträge derzeit künstlich geförderte Tiefbau ein weiteres Abrutschen verhindert hat. Zweitens zeigt vor allem der längerfristige Vergleich, daß der Vorjahresmonat, mit dem hier verglichen wird, bereits ein ausgesprochener Krisenmonat war (Abb. 14605). Gegenüber dem Oktober vor zwei Jahren lag das Auftragsvolumen um 20,1 % niedriger.


Am 3. Dezember meldete der Verband der deutschen Automobilindustrie die Zulassungzahlen für Oktober unter der Überschrift „Neuzulassungen weiter auf hohem Niveau - Produktion erneut im Plus". Schaut man jedoch genauer hin, so sieht man bereits den deutlichen Abriß seit Auslaufen der Abwrackprämie (Abb. 14061). So ist diese Meldung leider nur ein Schwanengesang bevor das „schwarze Loch" in 2010 kommt. Laut einer Studie des vom Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer geleiteten Center Automotive Research (CAR) an der Universität Duisburg-Essen droht den Herstellern in Deutschland 2010 ein Absatzminus von bis zu 50 Prozent.



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global news 1841 19-12-09: Amerikanische Haushalte und Unternehmen schneiden ihre Nachfrage zurück: Die Lokomotive der Weltwirtschaft auf dem Abstellgleis

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„Deleveraging" ist das englische Zauberwort, was so viel bedeutet, wie den Kreditanteil am Verbrauch herunterfahren durch weniger Verbrauchen und mehr Sparen. Dieser Prozeß ist in USA in vollem Gange und bedeute das amerikanische Haushalte und Unternehmen als bisherige Lokomotive der Weltwirtschaft total ausfallen. Die Verbraucherschuld fällt zum ersten Mal in 60 Jahren und das immer weiter, wie John Mauldin in seinem Wochenbrief schreibt (Abb. 05213). Die Kreditkartenunternehmen haben den Kredit bereits um 1,6 Billionen Dollar verkürzt. Grund sind vor allem die Ausfälle, die sich mit nahe 7 % auf dem höchsten Niveau aller Zeiten bewegen und mit wachender Arbeitslosigkeit weiter zunehmen werden (Abb. 05214).



Auch Hypotheken für privaten Wohnraum fallen mit erschreckend hohen 9,5 % aus, allein im letzten Jahresviertel ein Anstieg um 1,2 Punkte (Abb. 05215). Etwa die Hälfte der hypothekenfinanzierten Immobilien haben mehr Schuldbelastung als Marktwert. Zusammen mit zunehmender Arbeitslosigkeit führt das zu immer mehr Zwangsversteigerungen. Außerdem werden im kommenden Jahr viele Hypotheken in der Phase der vereinbarten Zinsanhebungen kommen, nachdem die Phase der niedrigen Lockzinsen, mit der vielen Schuldnern solche Hypotheken aufgeschatzt wurden, ausläuft.


Auch die kommerziellen Immobilien gehen teilweise unter Wasser. Die Ausfallsrate steigt. Das Gesamtvolumen der Bankkredite an Unternehmen fällt schneller, als jemals vorher verzeichnet, mehr als 17 % in zwei Jahren (Abb. 05216).


Das alles bedeutet für uns: Die USA sind noch längst nicht aus der Krise und damit kann auch der deutsche Export keine Entlastung aus dieser Richtung erwarten. Ebenso leiden die deutschen Banken unter weiteren Ausfällen auf international gehandelte Schuldpapiere und werden entsprechend ihre Kredite an deutsche Unternehmen weiter einschränken müssen.


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global news 1840 18-12-09: Kaum Lohnsteigerungen, aber in der Krise weiterer Anstieg der psychischen Erkrankungen (jetzt häufigste Einzeldiagnose bei stationärer Behandlung)

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Zwei Mitteilungen von heute. Die eine kommt vom Statistischen Bundesamt und trägt die schöne Überschrift „3. Quartal 2009: Höhere Reallöhne durch steigende Verdienste und sinkende Preise". Wenn man dann weiterliest findet man, daß die Bruttoverdienste um gerade einmal 0,4 % gegenüber dem Vorjahresquartal gestiegen sind (Abb. 14845).


Dabei verlief die Entwicklung auch noch sehr ungleichgewichtig. Im Verarbeitenden Gewerbe sank der Bruttomonatsverdienst vor allem aufgrund des verbreiteten Einsatzes von Kurzarbeit um 3,0%. Beschäftigte in der Metallerzeugung und -bearbeitung (- 6,1%), in der Automobilindustrie (- 5,7%) und im Maschinenbau (- 4,9%) waren hier am stärksten betroffen. Dagegen erhöhten sich zum Beispiel im Bereich Erziehung und Unterricht die Bruttomonatsverdienste um 4,0%, im Bereich Öffentliche Verwaltung, Verteidigung und Sozialversicherung um 3,8%. Es sind also nur die Beamten oder beamtengleichen Beschäftigungen, die die Gesamtstatistik ganz knapp aus dem Minus gehoben haben.

Die andere Mitteilung kommt mit dem „Gesundheitsreport 2009" von den Betriebskrankenkassen. Die psychischen Störungen sind, zumal wegen des Drucks der Krise, auch in 2008 weiter angestiegen. Die Arbeitsunfähigkeitstage pro Jahr betrugen 136 pro 100 Mitglieder (ohne Rentner), ein Anstieg seit 1998 um fast 40 % (Abb. 04148).


Von allen Krankheiten kam es 2008 nur bei psychischen Störung zu einem Anstieg der Krankheitstage. Dazu der Gesundheitsreport:

" .. entwickeln sich die seelischen Krankeiten „im Stillen"' weiter. Jeder zehnte Fehltag der beschäftigten Mitglieder - und jeder neunte Krankheitstag aller Erwerbspersonen (einschl. Arbeitslose) - ging 2008 auf das Konto Psychischer und Verhaltensstörungen, bei Frauen waren es sogar über 13 bzw. 14 Prozent der Krankheitstage. Viele Gruppen sind jedoch weit stärker von psychischen Gesundheitsstörungen betroffen. So stehen etwa bei Arbeitslosen die psychischen Krankheitsursachen nach Muskel- und Skelettleiden weit vorne an zweiter Stelle. Fast ein Viertel ihrer Krankheitstage, bei den ALG-I-Empfängerinnen sogar 29 Prozent, werden mit einer psychischen Diagnose gemeldet. Die Verordnungen von Antidepressiva und anderen Psychopharmaka haben erneut in erschreckendem Umfang zugenommen. Im Krankenhaus sind die Behandlungsfälle wegen psychischer Erkrankungen seit 1986 um mehr als das Dreifache gestiegen. Zudem werden hier - im Unterschied zu den ambulanten Behandlungen - für Männer mehr stationäre Fälle als für Frauen gemeldet. In 2008 gehörte wie im Vorjahr die häufigste Einzeldiagnose bei stationärer Behandlung nicht wie zuvor zu den Herzerkrankungen sondern zu den psychischen Krankheitsursachen. Ansteigende Trends des Krankenstands und hierbei gerade auch der psychischen Krankheitsursachen waren in 2008 zudem bei Führungskräften und qualifizierten Fachkräften deutlicher erkennbar als bisher."

Auch der am 5. November veröffentlichte AOK-Fehlzeitenreport meldete die seit Jahren steigenden Fälle psychischer Erkrankungen. Die Zahl der von ihnen verursachten Arbeitsunfähigkeitsfälle stieg seit 1995 um 80 Prozent. Sie verursachen zugleich die längsten Ausfallzeiten. Fehlt ein Arbeitnehmer aufgrund einer Atemwegserkrankung durchschnittlich 6,4 Tage, sind es bei einer psychischen Erkrankung 22,5 Tage (Abb. 14792, 14793).




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global news 1839 18-12-09: Von der Arroganz des Geldes und der Banken

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Was kostet die Welt? Das könnte ein Banker-Spruch sein. Zwischen 1973 und 1985 erzielte der Finanzsektor in USA nach einer kritischen Betrachtung des früheren IWF-Chefökonomen Simon Johnson nie mehr als 16 % aller amerikanischen Unternehmensprofite. Doch dieser Anteil schoß über 19 % (1986), zwischen 21 % und 30 % in den 90er Jahren auf 41 % im laufenden Jahrzehnt hoch (Abb. 16655). Parallel dazu schoß die Bezahlung der Banker dramatisch in die Höhe: Waren es zwischen 1948 und 1992 noch zwischen 99 % und 105 % des Durchschnitts aller Industrien in USA, so stieg der Anteil bis auf 181 % in 2007 vor Ausbruch der Krise (Abb. 16656). Das zog zugleich die ambitioniertesten Menschen zu den Banken und begründete die Netzwerke der Banker und die starke Vernetzung von Wall Street und Washington.



In Europa und Deutschland ist die Situation nicht viel anders. Allein die Deutsche Bank hat den politischen Parteien in den letzten drei Jahren zusammen 1,7 Millionen Euro gespendet, mit Schwergewicht bei CDU/CSU und FDP. Wegen ihrer beanspruchten Sonderrolle ist der Aufschrei der Banken über die in Großbritannien und Frankreich vorgesehenen Sondersteuer auf Banken, die den vorgegebenen Höchstbetrag an Boni im kommenden Jahr überschreiten, so schrill. In Deutschland ist das Bankenkapital bei den drei größten Banken besonders stark konzentriert. Sie allein kommen auf einen Anteil von rund 70 %, gegenüber rund 35 % in USA und Italien, 50 % in Japan, 55 % in Frankreich und Großbritannien. Natürlich kritisiert Deutsche Bank Chef Ackermann prompt diese Steuer und deutet an, notfalls die Aktionäre mit weniger Dividende dafür zahlen zu lassen statt seine verhätschelten Banker in London.

Für Simon Johnson ist die Konsequenz klar. Große Banken sollten verstaatlicht werden und dann in kleineren Stücken wieder privatisiert.


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global news 1838 17-12-09: Banken in Deutschland: Zu viele, zu viele kleine und meist miserable Kundenberatung

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Deutschland hat im internationalen Vergleich - zusammen mit USA (wo schon hunderte Banken in die Pleite gegangen sind) - zu viele Banken; außerdem ist das Kapital viel stärker als anderswo auf die drei größten Banken konzentriert (Abb. 14844).


Zu allem Überfluß ist die Kundenberatung miserabel. Die Stiftung Warentest hat bei 21 Banken nach einer sicheren Anlageform gefragt. Doch nur drei Institute erreichten mit ihrer Beratung auch nur ein "befriedigend" (Abb. 14843). Den Testkunden werden sogar gesetzlich vorgeschriebene Informationen vorenthalten.


Das ist das Ergebnis aus 147 Beratungsgesprächen - geführt rund zwölf Monate nachdem die Pleite der US-Großbank die üblen Verkaufsmethoden der Banker ans Licht gebracht hatte. Im aktuellen Test der Anlageberatung durch die Zeitschrift Finanztest war keine Bank „gut", zwei waren sogar „mangelhaft". Schockierend im Test: die nach wie vor laxe Auffassung der Berater davon, was bei Geldanlagen „sicher" bedeutet. Häufig stellten sie den Kunden nicht einmal die Fragen, die das Wertpapierhandelsgesetz vorschreibt. Wer aber nicht weiß, wie es um die finanziellen Verhältnisse seines Kunden steht und welche Kenntnisse er hat, dessen Empfehlung kann nur zufällig geeignet sein.

Die Testkunden wollten eine Anlage von 30 000 Euro tätigen: sicher, über einen Zeitraum von fünf Jahren und mit einem Renditeziel von 4 Prozent pro Jahr. An dieser Stelle hatte Finanztest eine Hürde eingebaut: Für sichere Anlagen gab es im Sommer 2009 keine 4 Prozent, es sei denn für Sonderaktionen oder Lockzinsangebote. Das hätten die Banker erkennen und den Kunden fragen sollen, ob ihm die Rendite oder die Sicherheit wichtiger sei. Bereits diese gestellte Aufgabe hätten viele Anlageberater nicht lösen können. Nur vier Banken waren in diesem Punkt „gut", sieben schnitten mangelhaft ab, vier ausreichend.

Aktienfonds - wie unter anderem von Berliner Sparkasse und Deutscher Bank empfohlen - sind eindeutig keine sichere Geldanlage für Anleger, die ihr Geld lediglich auf fünf Jahre festlegen wollen - auch nicht als Beimischung. Die BW Bank hat als Beimischung einen Rohstofffonds empfohlen. Das passt ebenfalls nicht zu einer sicheren Anlage. Frech sind die Empfehlungen der Ostsächsischen Sparkasse sowie der beiden Sparda-Banken West und Berlin: Sie wollten den Testkunden doch tatsächlich eine private Rentenversicherung verkaufen. Da war ihnen wohl die schnell verdiente Provision wichtiger als ein zufriedener Kunde. Sicher wäre diese Anlage zwar, aber über fünf Jahre überhaupt nicht rentabel: Gerade einmal rund 1 Prozent Rendite pro Jahr hätten Kunden damit erzielen können.


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global news 1837 16-12-09: Deutschland läßt die Banker-Boni laufen - anders Großbritannien und jetzt auch Frankreich

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Nach einer gestern veröffentlichten Studie der Unternehmensberatung Kienbaum stieg die Vergütung für Führungskräfte im Bankgewerbe zwischen Juli 2008 und Juli 2009, also Mitten im Krisenjahr, um durchschnittlich 2,7 Prozent. Mit 4,1 Prozent hoben die überdurchschnittlich ertragsstarken Institute die Gehälter besonders deutlich an. Kienbaum wertete Daten zu 1.705 Positionsinhabern von 95 Kreditinstituten aus.

Das Spektrum der Managementbezüge reicht auf der Führungsebene unmittelbar unterhalb des Vorstands einer Bank von weniger als 50.000 Euro bis zu Gehältern, die die Schwelle von 200.000 Euro deutlich überschreiten: Knapp ein Drittel der Führungskräfte auf erster Ebene verdient bis zu 90.000 Euro im Jahr. Bei 36 Prozent betragen die Jahresgesamtbezüge zwischen 130.000 Euro und mehr als 250.000 Euro. Im Durchschnitt werden den Bankmanagern der ersten Ebene 132.000 Euro gezahlt. Führungskräfte auf der zweiten Ebene unterhalb des Vorstands verdienen durchschnittlich 98.000 Euro.

88 Prozent der Führungskräfte auf erster Ebene und 85 Prozent auf zweiter Ebene erhalten eine variable Vergütung in Höhe von durchschnittlich 41.000 Euro beziehungsweise 20.000 Euro. Am weitesten verbreitet sind Tantiemen und Boni in Privatbanken: Hier erhalten 98 Prozent der Führungskräfte durchschnittlich 29 Prozent ihres Gehalts in Form von Boni. Zusätzlich fahren 60 Prozent der Führungskräfte auf erster Ebene und 30 Prozent der Führungskräfte auf der zweiten Ebene einen vom Unternehmen gestellten PKW. Das durchschnittliche Anschaffungsbudget beträgt auf der ersten Ebene 44.000 Euro und auf der zweiten Ebene 34.000 Euro. Die meisten Bankmanager können ihren Wagen auch außerhalb der Arbeitszeit unbegrenzt nutzen.

In Großbritannien ist inzwischen eine Sondersteuer von zusätzlich 50 % ab 25.000 Pfund (28.000 Euro) Bonus im Haushaltsentwurf vorgesehen, die bei den Banken erhoben wird, neben einer Spitzensteuer von 54 % bei den Spitzenbanker, während der deutsche Spitzensteuersatz bei nur 47,5 % (einschließlich Reichensteuer) liegt. In Frankreich wird die gleiche Sondersteuer von 50 % auf alle Bonuszahlungen über 27.000 Euro eingeführt. Der entsprechende Gesetzesentwurf geht im Januar ins Parlament.

Laut einer „Stern"-Umfrage befürworten in Deutschland 56 Prozent eine Sondersteuer auf hohe Banker-Boni. Nur 36 Prozent lehnen eine Bonus-Steuer ab. Bundesbankpräsident Weber hat sich gegen eine Sondersteuer ausgesprochen; wichtiger sei es, die Anreizstrukturen in den Banken stärker am langfristigen Erfolg auszurichten. Natürlich bekommen auch Bundesbanker Boni. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich zwar positiv zu dem britisch-französischen Vorgehen geäußert. Dies sei „eine sehr charmante Idee, die vielleicht manchen Lerneffekt befördern würde", hob dabei allerdings besonders die Londoner City hervor, als gehe das Deutschland wenig an. Und der Finanz-Obmann der FDP-Fraktion, Frank Schäffler, sagte der „Berliner Zeitung", er lehne eine solche Strafsteuer ab. Die Regierungskoalition soll jedenfalls laut Zeitungsbericht entsprechende Steuerverschärfungen ausschließen.

Übrigens, Deutsche Bank-Chef Ackermann hat sich immer öffentlich über Bonusbegrenzungen bei den anderen gefreut, um dann Spitzenpersonal mit seinen höheren Boni abzuwerben. Sein Einfluß in Berlin in der Frage von Sondersteuern auf Boni dürfte nicht gering sein. Die Deutsche Bank hat den politischen Parteien in den letzten drei Jahren zusammen 1,7 Millionen Euro gespendet. Allein in diesem Jahr gingen bisher 281.000 Euro an die CDU/CSU, 220.000 Euro an die FDP und vergleichsweise klägliche 100.000 Euro an die SPD, macht 83 % an die schwarz-gelbe Koalition.


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global news 1836 16-12-09: Weiter schlechte Zahlen aus der gewerblichen Wirtschaft: Beschäftigungs- und Entgelt-Rückgang hält unvermindert oder kaum vermindert an

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Nach Mitteilung des Statistischen Bundesamtes wirkte sich die aktuelle Schwäche der Gesamtwirtschaft auch im Oktober zunehmend auf die Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe in Deutschland aus: Ende Oktober 2009 waren in den Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes Personen 240.500 Personen oder 4,6 % weniger als im Oktober 2008 tätig (Abb. 04009). Seit Januar 1995 ist der Rückgang der Beschäftigtenzahl im Vergleich zu einem Vorjahresmonat noch nie so stark gewesen wie in diesem Monat. Die Zahl der im August 2009 geleisteten Arbeitsstunden nahm im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat um 8,9 % ab. Die Entgelte (Bruttolohn- und Bruttogehaltsumme) verringerten sich gegenüber Oktober 2008 um 6,6 %.


Überdurchschnittlich stark verringerten sich die Beschäftigtenzahlen in den Wirtschaftszweigen Maschinenbau (- 5,1%), Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen (- 4,7%), Herstellung von Gummi- und Kunststoffwaren (- 5,1%) sowie Herstellung von Metallerzeugnissen (- 6,7%).

Sowohl die Arbeitsstunden, wie das Arbeitsentgeld sind schon seit dem vergangenen Jahr zurückgegangen (Abb. 14710, 14712).



Da die gewerbliche Wirtschaft noch vergleichsweise gut bezahlt und mehr Tarifbindung hat, dürfte die Gesamtsituation in der Gesamtwirtschaft noch schlechter sein. Ein so starker Abriß der Arbeitseinkommen muß sich in der privaten Nachfrage und damit in der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung krisenhaft niederschlagen.

Gleichzeitig wird heute aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei bekannt, daß die Zahl der Vollzeitbeschäftigten zwischen Juni 1999 und Juni 2008 um 1,4 Millionen oder sechs Prozent abgenommen hat. Zugleich wuchs die Zahl der Teilzeitbeschäftigten um 1,3 Millionen oder 36 Prozent auf fünf Millionen. Auf dem Vormarsch sind Minijobs, deren Zahl binnen sechs Jahren um 29 Prozent auf über sieben Millionen hochschnellte. Und immer mehr Arbeitnehmer kommen mit einer Stelle nicht über die Runden. Nach Angaben der Bundesregierung verdoppelte sich die Zahl der Menschen mit zwei Jobs zwischen 2002 und 2007 auf 1,8 Millionen (neuere Daten liegen nicht vor).


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global news 1835 15-12-09: Die Hartz IV-Falle: Nur 32 % finden nach Ausstieg ein normales Arbeitsverhältnis

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Erklärtes Ziel von Hartz IV war einmal der rasche und nachhaltige Ausstieg aus dem Leistungsbezug. Doch der Ausstieg aus Hartz IV gelingt nur relativ selten. Eine Befragung von Arbeitslosengeld-II-Beziehern im Jahr 2007 zeigt jetzt fünf Jahre nach der angeblichen Reform, daß der Ausstieg aus dem Leistungsbezug schwer ist. Rund drei Viertel der Betroffenen beziehen Arbeitslosengeld II mindestens 12 Monate durchgängig. Falls der Ausstieg überhaupt gelingt, wird der Bezug von Grundsicherungsleistungen am häufigsten durch eigene Erwerbstätigkeit oder die eines anderen Mitglieds der Bedarfsgemeinschaft beendet. Männer nehmen deutlich häufiger eine Beschäftigung auf als Frauen. Neben den Übergängen in Erwerbstätigkeit gehen jüngere Personen aus dem Leistungsbezug vor allem in Ausbildung und Studium, Ältere dagegen häufig in Rente. Nur etwa jeder Dritte, der den Ausstieg aus dem Bezug von Arbeitslosengeld II in eine Erwerbstätigkeit schafft, nimmt eine unbefristeteVollzeitbeschäftigung auf (Abb. 14842).


Die Löhne der Abgänger in Erwerbstätigkeit sind relativ gering. Annähernd jeder Zweite verdient weniger als 7,50 Euro brutto pro Stunde (Abb. 14841).


29 % der Personen, die aus dem Grundsicherungsbezug in eine Erwerbstätigkeitwechseln, arbeiteten unterhalb ihres formalen Qualifikationsniveaus. Zum Vergleich: Insgesamt arbeiten etwa 15 Prozent der Beschäftigten in Deutschland unterhalb ihres Ausbildungsniveaus. Nur jeder dritte erwerbstätige ehemalige Arbeitslosengeld-II-Bezieher fand eine unbefristete Vollzeitstelle. In der restlichen Bevölkerung ist das bei rund jeder zweiten neuen Stelle der Fall.


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global news 1834 14-12-09: Die Kohle ist der Hauptklima-Sünder und warum die chinesischen Emissionen so wichtig sind

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In Deutschland ist das Zeitalter schmutziger Kohle, die bei der konventionellen Verbrennung weit mehr CO2 freisetzt als andere Brennstoffe, zwar nicht vorbei, aber doch stark zurückgegangen. Weltweit sieht es jedoch anders aus. Kohle behauptet sich als Energierohstoff und wird nach dem Ende des Ölzeitalters erst recht zum Tragen kommen (Abb. 07314).


So sind in den letzten Jahren, vor allem seit der Jahrtausendwende, die Emissionen aus Kohle besonders stark gestiegen (Abb. 07313). Das geht fast ausschließlich auf das Konto von China, das zum weitaus größten Weltkohleproduzenten mit nun schon über 39 % Anteil aufgestiegen ist (Abb. 07315). Dabei wird Kohle in China besonders emissionsintensiv verbrannt. Der Anteil von Kohle an der Elektrizitätserzeugung ist wesentlich höher als in Europa und auch die Emissionsintensität pro Wirtschaftsleistung in Kaufkrafteinheiten ist wesentlich höher (Abb. 07062).




Die chinesischen Megacities, wie Shanghai, wachsen rasant. In den kommenden dreißig Jahren sollen nach chinesischen Planungen 450 Millionen Menschen vom Lande in die Städte ziehen. Doch in Städten wie Shanghai oder Peking rivalisieren die CO2-Emissionen pro Kopf immer mehr mit denen westlicher Industrieländer. Wenn die Emissionen mit der gleichen Geschwindigkeit wie bisher steigen (Abb. 08090), könnten die chinesischen Prokopf-Emissionen um 2030 in der Nähe der europäischen liegen.



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global news 1833 141-12-09: Mit ihrer starken Exportabhängigkeit bleibt die deutsche Industrie auch im Oktober unter den EU-Fußkranken

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Nach den heutigen Eurostatdaten ist Deutschland im Oktober im letzten Drittel der EU-Länder bei der Industrieproduktion im Vergleich zum Vorjahreswert gelandet (Abb. 13688). Hier rächt sich die starke Exportabhängigkeit bei einem ausgeprägten Exporteinbruch.


Nun kommt der deutsche Export doppelt in die Zange: aus China, aber auch aus USA, nicht zuletzt wegen der starken Dollar- und Renmimbi-Abwertung gegenüber dem Euro seit März um mehr als 14 % (Abb. 03781). Damit kommt der amerikanische Export viel schneller aus dem Keller als der deutsche (Abb. 15024).



So erklärt Präsidentenberater und Vorsitzender des Economic Recovery Advisory Board Paul Volcker, sich allein auf den Konsum zu verlassen, genüge nicht, um die Krise zu überwinden. Die USA sollten sich Deutschland zum Vorbild zu nehmen - und eine leistungsfähige Exportindustrie aufbauen:

„Ich finde es bewundernswert, wie es Deutschland trotz der höheren Lohnkosten schafft, immer noch eine so dominante Exportnation zu sein. Ich wünschte, wir hätten auch weniger Finanzingenieure und dafür mehr echte Ingenieure, zum Beispiel im Maschinenbau. Amerika braucht wieder eine breitere Basis für eine produzierende Industrie. Ein Kulturbruch ist notwendig."

Zieht Euch noch wärmer an, Unternehmen der deutschen Exportindustrien, es wird eisig!


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global news 1832 13-12-09: Die Finanzmärkte fangen nun an weiteren Stellen Feuer: Hypothekenpapiere auf kommerzielle Immobilien sowie Staatsanleihen überschuldeter Länder

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1. Kommerzielle Immobilien

Mit gewerblichen Immobilien hinterlegte Anleihen werden zunehmend zum Problem in USA und global, wo sie verkauft wurden. Das Volumen von Hypotheken auf kommerzielle Immobilien stieg zwischen 2005 und 2008 um nicht weniger als 34,4 % auf 2,6 Billionen Dollar (Abb. 16649). Diese Hypotheken machen nun fast 18 % aller in USA ausstehenden Hypothekenschulden aus (Abb. 16650). Wie bei Hypotheken auf privaten Wohnraum wurden auch hier in großem Umfang international gehandelte Papiere geschaffen („commercial mortgage-backed securities" = CMBS).



Im Verlauf der Krise stiegen und steigen nun immermehr die Ausfälle dieser CMBS. Nach Moody's lagen sie Ende November bereits bei 4,5 % aller CMBS und damit um 0,5 Prozentpunkte über Oktober. Zu Beginn des Jahres waren es erst etwa 1 %. Insgesamt sind damit nach einem steilen Anstieg über die letzten 12 Monate schon 23 Milliarden $ an CBMS notleidend (Abb. 16654). Die Ausfallrate liegt besonders hoch bei Hotels (7,8 %) und Mehrfamilienimmobilien (7,4 %).


Der Zinsaufschlag bei CMBS gegenüber 10-Jahres-Staatspapieren lag noch im Mai 2008 bei 2 % und stieg für das niedrigst bewertete Segment (BB5) inzwischen auf 5,5 % (Abb. 16651).


Anders als bei Wohnimmobilien hat die amerikanische Regierung den Markt für kommerzielle Immobilien nicht durch Subventionen zum Neuerwerb gestützt. Deswegen gehen die Preiseinbrüche in der Krise immer weiter.

Die Ausfälle reißen nun neue Löcher in die Bilanzen der Banken, die mehr als die Hälfte der RMBS halten. Ein anderer Teil dieser Finanzierung durch RMBS ist über Fonds und ähnliche Konstrukte gelaufen und zum Teil auch über geschlossene Immobilienfonds, die in Deutschland vertrieben wurden.

2. Staatsanleihen überschuldeter Länder

Mit der ersten Herunterstufung der Schuldnerqualität eines Eurolandes, nämlich Griechenlands, durch die Ratingagentur Fitch wurde jetzt ein Warnsignal auch für andere stark verschuldete Euroländer, vor allem Italien, aber auch für Großbritannien außerhalb der Eurozone gesetzt. Grund für die Unruhe sind die hohe Verschuldung und das starke vorraussichtliche Haushaltsdefizit von Griechenland, aber auch einiger anderer EU-Länder (Abb. 16652, 16653). Bei Griechenland erwartet die EU-Kommission im nächsten Jahr einen Anstieg der Verschuldung auf 124,9 % des BIP und des Haushaltsdefizits auf 12,2 %. Hohe Verschuldungen werden in der EU auch bei Italien (116,7 %), Belgien (101.2 %) und Portugal (84,6 %) erwartet, alle weit oberhalb der Maastricht-Grenze von 60 %. Die Defizite sollen besonders hoch ausfallen bei Irland (14,7 %), Großbritannien (12,9 %) und Spanien (10,1 %), auch diese Werte weit über der Maastricht-Grenze von 3 %.



Die Märkte haben prompt mit Verkäufen riskanter Staatsanleihen reagiert. Griechische 2-Jahres-Anleihen mußten in der Spitze bei einem Anstieg um 1,17 Prozentpunkte mit 3,04 % verzinst werden, um Käufer zu finden.

Die Situation bei Griechenland ist besonders prekär, weil sich Griechenland schon mit falschen Haushaltsdaten in den Euro geschmuggelt hatte und weil es zuletzt praktisch stark von der EZB finanziert wurde. Denn die 220 Mrd Euro billigster EZB-Kredit von nur 1 % an die Banken der Eurozone wurde von diesen verwandt, höher verzinste Staatsanleihen zu kaufen. Solche aus Griechenland waren wegen des relativ hohen Zinses besonders beliebt. So hat die EZB Griechenland auf dem Umweg über die europäischen Banken einen Teil des Haushaltsdefizits finanziert, was eigentlich unzulässig ist.


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global news 1831 11-12-09: Kopenhagen, unser Lebensstil und die Weltbevölkerung

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Dennis Meadows hat - wie im Rundbrief vom 9. Dezember zitiert - beschwörend daran erinnert, wie wenig die Menschheit ihren Lebensstil trotz der drohenden Gefahren bisher geändert habe und wie sicher die Katastrophe ohne eine solche Änderung sei. Auch Sir David Attenborough, der berühmte britische Naturreporter, hat im Horizon Special der BBC vor Stockholm noch einmal warnend seine Stimme erhoben. Ich empfehle das Video sehr für die, die etwas Englisch verstehen.

Als Attenboroug geboren wurde, gab es zwei Milliarden Menschen auf der Erde. Heute sind es fast 7 Milliarden. Jeden Tag kommen 200.000 hinzu und jedes Jahr rund 80 Millionen oder soviel, wie Deutschland zählt. In vierzig Jahren werden es nach der UN-Prognose mehr als 9 Milliarden sein oder noch einmal ein Drittel mehr (Abb. 0703). Wenn alle einen akzeptablen Lebensstil haben wollen, werden die Reserven an Rohstoffen und Umwelt längst vor diesem Datum erschöpft sein. Der Traum vom ewigen Wachstum hätte längst zu den Akten gelegt werden und statt dessen die Lebensqualität durch eine fairere Verteilung angehoben werden müssen.


Da sich der Turbo-Lebensstil nun zunehmend in die Schwellenländer, vor allem Asiens, hineinverbreitet und da sich die Weltbevölkerung immer stärker auf die Städte konzentriert (Abb. 0705), die immer mehr in die Mega-Kategorie hinein wachsen, verschärft sich der Druck auf die knapper werdenden Resourcen weit über den aus dem reinen Bevölkerungszuwachs hinaus.


Die Weltnachfrage nach Energie soll nach dem Mittelszenario der Internationalen Energie Agentur (IEA) bis 2030 um 45 % wachsen, wobei besonders emissionsträchtige Kohle mehr als ein Drittel des Zuwachses bestreiten soll - nach IEA ein nicht verkraftbarer Anstieg (Abb. 07312). Ebenso unverkraftbar ist der Anstieg des projektierten Frischwasserentzugs (Abb. 0708).



Doch kein Politiker mahnt bisher einen Wechsel des Lebensstils an.


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global news 1830 10-12-09: Die Derivate kommen wieder und was das bedeutet

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Erst einmal ein paar Klarstellungen. Derivate sind Finanzwetten, die ursprünglich nur der Absicherung von Kredit-, Zins- und Währungsrisiken durch Gegengeschäfte dienten und dort ihren guten Sinn machten. Allerdings werden sie zunehmen rein spekulativ eingesetzt, so daß z.B. für oder gegen den Ausfall von Forderungen gewettet wird, ohne daß das wettende Institut die Forderung überhaupt besitzt. Das besondere Problem liegt in der Vertraulichkeit solcher Wetten, die zum größten Teil nicht in Börsen sondern über den Ladentisch („over the counter" oder „OTC") abgeschlossen werden. Dadurch wächst die Gefahr, daß die gleichen Risiken konzentriert bei dem gleichen Versicherer versichert werden, ohne daß den Beteiligten die Risikokonzentration bewußt ist. So mußte der große amerikanische Verisicherungskonzern AIG mit Steuerzahlergeld in USA gerettet werden, weil er einer der größten globalen Versicherer von Forderungen war. Auch die Deutsche Bank ist sehr stark in diesem Absicherungsgeschäft engagiert.

Von den Finanzwetten sind die synthetischen Papiere zu trennen, mit denen Forderungen international handelbar werden, wie die berüchtigten minderwertigen amerikanischen Hypotheken. Hier ist die Finanzkrise ausgelöst worden, nicht jedoch bei den Derivaten. Die Banken, die diese Papiere hielten und halten, hatten sich nicht abgesichert, sondern auf die Werthaltigkeit dieser Papiere gebaut und sich dabei verhoben.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die als Bank der Banken arbeitet und dabei ständige Analysen und Statistiken liefert, hat jetzt die Daten für die Derivate per Ende Juni 2009 veröffentlicht. Danach haben sie den Einbruch des zweiten Halbjahres 2008 überwunden und rangieren wieder bei 605 Billionen Dollar oder dem 42-Fachen der Wirtschaftleistung der USA in 2008 (Abb. 13115). Das ist ein gewaltiger Betrag, doch sind viele dieser Wetten mehrfach und müssen saldiert werden, um das reale Risiko zu bestimmen. Das liegt dann "nur" bei 25 Billionen Dollar (Abb. 03954).



Der weitaus größte Teil der Wetten von fast drei Vierteln werden auf die Zinsentwicklung abgeschlossen, weitere 8 % auf die Entwicklung der Währungen und nur 6 % sind Wetten auf den Ausfall von Forderungen, sogenannte Credit Default Swaps (CDS, Abb. 03777, 03803).



George Soros hat die CDS einmal in einem dramatischen Appell als ein Damokles-Schwert über den Finanzmärkten bezeichnet. Mit 36 Billionen Dollar Nominalwert oder 3 Billionen Bruttomarktwert sind sie in der Tat groß genug, um zu Kettenreaktionen zu führen, wenn ein großer Versicherer wirklich einmal zusammenbrechen sollte. Derzeit bemühen sich die Regierungen und die Beteiligten das Risiko aus Derivaten und vor allem aus CDS in den Griff zu kriegen, was kaum möglich sein wird. Vor allem soll der Handel mit Derivaten transparent über Börsen abgewickelt werden. Auch wurde ein Teil der Risiken saldiert und heruntergefahren. Leider wird hier sehr viel von Laien durcheinandergeworfen. Vor allem werden die Derivate zu Unrecht für die derzeitige Finanzkrise verantwortlich gemacht, obwohl dieses Damoklesschwert noch hängt.

So verlangte der Kommentator der Financial Times Deutschland Wolfgang Münchau am 8. Dezember ein Verbot der Derivate:

Es sei einer der großen Skandale unserer Antikrisenpolitik, dass wir an dieser Stelle vor den Banklobbyisten einknickten. Diese Produkte seien zutiefst asozial, nicht weniger asozial als eine hypothetische Brandschutzversicherung auf des Nachbarn Grundstück. Nur sei das bei den CDS zumindest für die breite Öffentlichkeit nicht so klar. Diese Produkte seien technisch kompliziert. Sie seien nur deswegen nicht kriminell, weil es keine konkreten Strafgesetze gebe, die das Handeln mit diesen Produkten untersagten. Aber sie verstießen genauso gegen das Strafrechtsverständnis moderner Gesellschaften wie Bernie Madoffs Schneeballsystem. Die CDS spielten in der jüngsten Finanzkrise eine wichtige Rolle. Denn die Banken hätten mit diesen Produkten einen Großteil ihres Kreditrisikos abgesichert - oder, wie sich herausstellt, eben nicht abgesichert. Vor der Krise sei fast das gesamte Kreditausfallrisiko der Welt in einem einzigen Unternehmen gebündelt gewesen - einer Tochtergesellschaft des Versicherungskonzerns AIG.

Leider hat Münchau da einiges zusammengeworfen und offensichtlich auch nicht verstanden. Er kann die Derivate doch nicht dafür verantwortlich machen, daß die Banken sie nicht benutzt hätten - ein wirklich bodsinniges Argument. Er unterscheidet auch nicht die 6 % CDS-Derivate von den übrigen 94 %.

Gegen die Absicherung von Kreditforderungen wird man nichts einwenden können, zumal wenn der Gläubiger damit sein Risiko begrenzen will. Das mag dann zwar zu einem leichtsinnigen Umgang mit den Forderungen führen und manche Bank mag im Vertrauen auf die Absicherung eine Forderung nicht länger stunden und damit ein Unternehmen in die Pleite treiben. Doch wie will man das unterbinden? Auch werden versicherte Risiken ebenso in anderen Wirtschaftsbereichen mal auf die „leichte Schulter" genommen. Wichtig ist jetzt wirklich, die Transparenz durchzusetzen, damit Risikokonzentrationen bei den gleichen Versicherern zurückgehen. Sonst fällt das Damoklesschwert doch noch mal.


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global news 1829 09-12-09: Kopenhagen nur ein riesiges Täuschungsmanöver?

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Der Autor der „Grenzen des Wachstums" von 1972 des Club of Rome Dennis Meadows hat dem SPIEGEL ein Interview gegeben, dessen Lektüre ich nur empfehlen kann. Hier ein kurzer Auszug:

„Wir stecken mitten in der Umweltkrise, die wir damals vorhergesagt haben, mit dem Unterschied, dass wir 40 Jahre weitgehend verloren haben, in denen die Menschheit hätte handeln sollen. Beim Ölverbrauch ja, beim Klimawandel glaube ich, dass wir einfach zu spät dran sind. Man hätte das vielleicht noch in den siebziger und achtziger Jahren verhindern können, aber jetzt nicht mehr. Wir haben die Atmosphäre schon jetzt so mit Kohlendioxid voll gepumpt, dass es locker für eine deutliche Erwärmung reicht. Wir sind am Anfang einer ziemlich harten und schnellen Achterbahnfahrt und können uns eigentlich nur noch gut festhalten. Nein, wir werden durch den Klimawandel als Spezies Mensch nicht aussterben. Die Menschheit hat schon Eiszeiten überlebt, da werden wir auch eine Warmzeit überleben. Ob wir am Ende immer noch zu Milliarden in Flugzeugen herumfliegen und dicke Autos fahren, wage ich aber zu bezweifeln. Kopenhagen? Das nehme ich nicht ernst. Das Ganze ist ein riesiges Täuschungsmanöver. Ich bin außer Rand und Band, weil die Lage außer Rand und Band ist. Wenn wir uns auf Konferenzen verlassen, statt unseren Lebensstil zu ändern, sieht es schlecht aus."

Die heutige Financial Times zeigt eine eindrucksvolle Grafik der Projektionen der amerikanischen Energy Information Agency, wie die CO2-Emissionen vor allem in China bis 2030 hochlaufen, wenn nichts passiert (Abb. 07310). China wird dann 29 % aller Emissionen erzeugen, die USA 15,9 % und Europa (OECD) 11,2 %. Die USA wollen bis 2020 ihre Emissionen etwa auf dem Stand von 2007 halten. Doch China hat nur eine nicht überprüfbare und unverbindliche Reduktion der Emissionsintensität gemessen am BIP erklärt, die angesichts der geplanten erheblichen Ausweitung des BIP ein Anstieg um 125 % bedeuten würde (bei jährlichem BIP-Anstieg von 8 %) und damit noch über die derzeitige Projektion der Energy Information Agency der USA hinaus.


Wie hoch die Emissionintensität Chinas im Vergleich zu der der USA ist und wieviel aus dem Handel und den chinesischen Exportüberschüssen kommt, zeigt Abb. 07311.



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global news 1828 09-12-09: Amerikanische Anleger bleiben vorsichtig

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Lange nicht wurde so viel Geld in USA bar oder cash gehalten: 10,12 Billionen Dollar oder 72 % des BIP (Abb. 16647). Vor allem die Anlagen in Geldmarktfonds liegen immer noch bei fast 3 Billionen Dollar und sind trotz niedriger Verzinsung seit dem Krisenhöhepunkt Mitte letzten Jahres kaum zurückgegangen (Abb. 16648).



Das zeigt, wie wenig viele Anleger bisher der Wirtschaftsentwicklung trauen. Daneben haben die Banken zusätzlich 0,8 Billionen Dollar an Einlagen bekommen können, seit die US-Regierung nun bis zu 250.000 Dollar pro Konto und Bank versichert. Bisher ist völlig offen, ob diese Geldmengen wieder in den Aktienmarkt zurückkehren oder in sichereren Anleihen angelegt werden.


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global news 1827 09-12-09: Die deutsche Wirtschaft klebt an der Talsohle: Nun auch Industrieumsatz im Oktober: -0,7 % zu September 09 und minus 13,9 % zu Oktober 2008

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Nach heutiger Mitteilung des Statistischen Bundesamts ging der Umsatz im Verarbeitenden Gewerbe nach vorläufigen Angaben im Oktober 2009 arbeitstäglich- und preisbereinigt um 13,9 % gegenüber Oktober 2008 zurück (Inlandsumsatz minus 11,3%, Auslandsumsatz minus 17,1 %). Im Vergleich zum Vormonat verringerte sich der Umsatz um 0,7 % (Inlandsumsatz plus 0,4 %, Auslandsumsatz minus 2,2 % (Abb. 04910).


Innerhalb der umsatzmäßig wichtigsten Wirtschaftszweige sank der Umsatz am stärksten im Maschinenbau mit minus 30,5% gegenüber Oktober 2008 (Inlandsumsatz minus 36,1 %, Auslandsumsatzminus 26,2 %). Beim Umsatz der Hersteller von Kraftwagen und Kraftwagenteilen gab es ein Minus von 9,1% (Inlandsumsatz minus 5,6 %, Auslandsumsatz minus 11,3 %). Die Hersteller von chemischen Erzeugnissen sowie die Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen verzeichneten jeweils ein Minus von 8,4% zum Vorjahresmonat.

Damit haben im Oktober alle Daten der gewerblichen Wirtschaft für Aufträge, Produktion und Umsatz auf Minus geschaltet (Abb. 14564). Vor allem unter Anwendung des sogenannten Berliner Verfahrens für die Saison- und Kalenderbereinigung zeigt sich sehr deutlich wie stark die deutsche Wirtschaft an der Talsohle klebt (Abb. 14839, 14840).




Die jüngsten Zahlen für die Entwicklung der Arbeitkosten zeigen deutlich, wie unterdurchschnittlich sich die deutschen im EU-Vergleich entwickelt haben: seit dem Jahr 2000 nominal um 16 % weniger als im EU-Durchschnitt (Abb. 12919). Dementsprechend schlechter hat sich die deutsche Binnenkonjunktur und insbesondere der Einzelhandelsumsatz entwickelt (Abb. 12922).



Das hat dann zusammen zu der stark einseitigen Verlagerung auf den Export geführt. Der allerdings ist zusammengebrochen und lag im Oktober trotz einer geringen Erholung noch immer um 15,9 % unter dem Vorjahreswert, der bereits ein krisengedrückter Wert war (Abb. 14631).



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global news 1826 08-12-09: Nach den Aufträgen bricht nun auch die Industrieproduktion wieder weg: „Double Dip" läßt grüßen

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Die Erzeugung im Produzierenden Gewerbe nahm im Oktober vorläufigen Angaben zufolge preis- und saisonbereinigt um 1,8 % ab (Abb. 04306). Im Vorjahresvergleich betrug das Minus 12,4 %.


Deutlichere Produktionsabnahmen waren zuletzt im Bauhauptgewerbe mit -2,4 % und im Bereich der Energie zu verzeichnen. Die Industrieproduktion ging um 1,6 % zurück. In der Industrie machte sich zuletzt vor allem der Rückgang der Erzeugung im Bereich der Investitionsgüterhersteller um 3,5 % bemerkbar, was maßgeblich auf die kräftigen Produktionsabnahmen im Maschinenbau (-7,6 %) und bei den Herstellern von Kraftwagen und -teilen (-3,3 %) zurückzuführen war.

Wieder zeigt die Saisonal- und Kalenderbereinigung nach dem Berliner Verfahren das ehrlichere Bild (Abb. 14838).


Jetzt rächt sich auch das vor die Bundestagswahlen qua Abwrackprämie verlegte Strohfeuer. Übrigens müßte die Industrieproduktion um 16,4 % steigen, um auf den Gipfel vom April letzten Jahres zurückzufinden.

„Doubble Dip" (doppelter Abriß) läßt grüßen!


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global news 1825 08-12-09: Unternehmensinsolvenzen +17,4 %, Handwerksumsatz minus 5,1 %

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Im September 2009 haben die deutschen Amtsgerichte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes fast 3.000 Unternehmensinsolvenzen gemeldet. Damit stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen um 17,4% gegenüber September 2008 und lag um 20 % über dem Monatsdurchschnitt des Vorkrisenjahres 2007 (Abb. 14602). Die Verbraucherinsolvenzen lagen im September 2009 mit fast 9000 Fällen um 7,4% höher als im Vorjahresmonat.


Auch das Handwerk bekommt immer mehr die Krise zu spüren. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, lagen die Umsätze im dritten Quartal 2009 um 5,1% niedriger als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Zugleich waren in diesen Gewerben Ende September 2009 2,1% weniger Personen tätig als Ende September 2008. Gegenüber September 2009 lag die Beschäftigung bereits um 2,8 % niedriger (Abb. 14766).



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global news 1824 07-12-09: Trotz aller falscher Aufschwungseuphorie: Die Industrieaufträge kommen nicht aus dem Keller

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Die Auftragseingänge in der Industrie sind im Oktober gegenüber September preis- und saisonbereinigt um 2,6 % gefallen. Die Auslandsaufträge brachen sogar um 3,9 % ein. Um auf das Spitzenniveau vom August letzten Jahres zurückzuklettern, müßten die Aufträge um 33,4 % steigen (Abb. 04569).


Die Inlandsbestellungen lagen um 13,8 %, die Auslandsbestellungen um 11,5 % unter dem Vorjahresniveau. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß der Vorjahres Oktober bereits ein deprimierender Krisenmonat war.

In der Saison- und Kalenderbereinigung nach dem in der Regel zutreffenderen Berliner Verfahren BV4.1 zeigt sich sehr deutlich, wie der Aufschwung stagniert (Abb. 16023, 16022).



So ist denn auch der Bundeswirtschaftsminister in seiner Kommentierung der Entwicklung ziemlich vorsichtig, ja - gemessen an der üblichen Vollmundigkeit - fast ängstlich geworden:

„Mit Blick auf die industriellen Hauptgruppen verzeichneten die Auftragseingänge bei den Herstellern von Investitionsgütern mit - 4,5 % die stärksten Einbußen. Hier machte sich die kräftige Abnahme der Bestellungen im Fahrzeugbau bemerkbar. Die Auftragseingänge in der Industrie entwickeln sich seit Beginn des letzten Quartals gedämpft. Das Tempo des Aufholprozesses der letzten Monate schwächte sich damit weiter ab. Belastend wirkten vor allem die rückläufigen Bestellungen für die Fahrzeugbranche einschließlich der Zulieferer. In der Tendenz bleibt die Bestelltätigkeit jedoch weiter aufwärts gerichtet. Die Erholung der Industrieproduktion dürfte sich insofern im vierten Quartal insgesamt mit abgeschwächter Dynamik fortsetzen."

Zwei Drittel der deutschen Industrieunternehmen rechnen nach einem Bericht des „Handelsblatts" frühestens für 2011 mit einem Ende der Wirtschaftskrise. Nur 7 % der Firmen spüren bereits den Aufschwung. Dies ist das Ergebnis einer Umfrage unter Führungskräften in 131 deutschen Unternehmen. Kurzfristig rechnet „so gut wie niemand" mit höheren Umsätzen, heißt es weiter. Allerdings sehen immerhin 65 Prozent der Unternehmen „Licht am Ende des Tunnels". In ihren veröffentlichten Ausblicken bestätigen die Unternehmen die Skepsis. Fast alle sehen zwar die Talsohle erreicht, doch einen nachhaltigen Aufschwung wagt niemand zu prognostizieren. Viele Konzerne, darunter der Autohersteller Daimler , kündigen angesichts der Flaute sogar an, 2010 ihre Kosten noch drastischer zu senken.


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global news 1823 07-12-09: Beim Aufstieg aus dem statistischen Tal ist alles eine Frage der Perspektive: Beispiel Stahlproduktion

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Die deutsche Stahlproduktion ist in ein besonders tiefes Tal abgestürzt und lag zeitweise um 54 % unter dem Durchschnitt des Jahre 2007 (Abb. 14656). Bei einem Vorprodukt, das man auf Lager nimmt und dann erst wieder nachbestellt, wenn das Lager geräumt ist, sind besonder starke Konjunkturausschläge zu erwarten. Nun kommt das Statistische Bundesamt heute mit der frohen Meldung eines Anstiegs der Produktion im November um 8 % gegenüber dem Vorjahr. Allerdings war der Vorjahresnovember um 19 % unter dem Durchschnitt des Vorkrisenjahres 2007 und liegt die Produktion jetzt immer noch um 13 % unter dem Vorkrisenniveau. Das allerdings verrät uns das Statistische Bundesamt nicht, schon gar nicht mit seiner Überschrift: „Rohstahlproduktion nimmt gegenüber Vorjahr um 8% zu".


Wir werden jetzt immer wieder „statistische Erholungen" gemeldet bekommen, die vor allem gut aussehen, weil sie sich mit einem bereits krisenhaft abgesenkten Vorjahresniveau vergleichen. Ich werde aber versuchen, das immer wieder festzuhalten.


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global news 1822 06-12-09: Die Wahrheit zur Erderwärmung

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Die Gegner einer international zu vereinbarenden Klimadisziplin bezweifeln entweder die menschliche Verursachung oder gar die Erderwärmung überhaupt. In Reaktion auf die Diskussion um einen internen Email-Verkehr in England hat das Metereologische Amt Großbritanniens (Met Office) am 2. Dezember einen Bericht über die globalen durchschnittlichen Temperaturaufzeichnungen im Zeitverlauf seit 1850 veröffentlicht. Es gibt drei Zentren, die die globale Durchschnittstemperatur der Erdoberfläche jeden Monat messen: das Met Office, das Goddard Institute for Space Studies (GISS) als Teil der NASA in USA und das National Climatic Data Center (NCDC) als Teil der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) ebenfalls in USA. Die Ergebnisse sind hier festgehalten (Abb. 07309).


Diese Institute arbeiten unabhängig von einander und gebrauchen unterschiedliche Methoden und Wege um die Daten zu sammeln und zu verarbeiten. Dennoch sind die Ergebnisse sehr ähnlich. Vor allem stimmen sie in der Erwärmung über das letzte Jahrhundert und besonders stark seit den 70er Jahren überein. Zehntausende von Messungen über den ganzen Globus zu Land und zu See werden jeden Tag gemacht. Die monatlichen Durchschnitte werden dann an die drei Forschungszentren verschickt. Einzelne Schiffs- und Bojenmessungen gehen direkt in das Globale Telekommunikationssystem. Diese Monatsergebnisse werden verbunden mit den archivierten historischen Beobachtungen über die letzten 160 Jahre. Dabei werden die historischen Daten angepaßt, um die Effekte unterschiedlicher Meßmethoden zu minimieren.

Das HadCRUT3-Ergebnis des Met Office in Zusammenarbeit mit der Climatic Research Unit benutzt die Ergebnisse von 2.000 Landstationen, 1.200 Bojen und ungefähr 4.000 Schiffen in dem freiwilligen Schiffsbeobachtungsprogramm. Zusammen sind das jeden Monat etwa 1,5 Millionen Messungen. Der Wert für 2009 beruht auf Daten bis Oktober. Sowohl die NCDC- wie die GISS-Daten sind für die Öffentlichkeit online verfügbar. Die Daten werden nicht „absolut" verwandt, sondern in der Differenz zum Normalniveau, das für jede Region über eine Basisperiode berechnet wird. Der Grund ist, daß diese Anomalien ziemlich konstant sind, während zwischen den Messungsposten erhebliche Unterschiede je nach Höhenlage und geografischer Position bestehen. Diese Methode vermeidet auch Verzerrungen in Durchschnittsrechnungen, falls einmal eine Messung ausfällt. Die Messungs- und Berechnungsmethoden werden veröffentlicht und sind kein Geheimnis. Wissenschaftler akzeptieren, daß dennoch eine geringe Unsicherheit bleibt, doch die wird durch die Temperaturmargen in der Entwicklung des letzten Jahrhunderts weit überlagert und überkompensiert.

Die drei unabhängigen Aufzeichnungen der globalen durchschnittlichen Erdtemperatur zeigen eine Erwärmung seit präindustriellen Zeiten. Sie zeigen auch, daß jede Dekade seit den 1970ern wärmer als die vorangegangene war, einschließlich der jüngsten Dekade seit 2000. Diese Aufzeichnungen werden ergänzt und bestätigt durch Temperaturmessungen unterhalb der Meeresoberfläche, in der Troposphäre durch Satelliten und Wetterbalons. Indirekte Nachweise kommen vom Abschmelzen des arktischen Seeeises, dem Anstieg des Meeresspiegels, dem Rückgang des Gletschervolumens und phenologischen Beobachtungen, wie den Daten für die Blätter- und Blütenbildung und die jährliche Vogelmigration.

Das Infoportal hat einen umfassenden Schwerpunkt zur Umwelt.


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global news 1821 04-12-09: Vom Wachstumsschwindel

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Jetzt schwindeln sie wieder auf Deibel komm raus, unsere Politiker aller Couleurs, Wirtschaftswissenschaftler und Medien. Selbst links-kritische Webseiten fordern meist mehr Wachstum, damit mehr zu verteilen ist. Wirtschaftswachstum muß und wird es richten. Steuersenkungen sollen mehr Wirtschaftswachstum bringen, meinen die Schwarz-Gelben. Die weitere Globalisierung in der Welthandelsorganisation auch, meint das Bundeswirtschaftsministerium gebetsmühlenartig (China reibt sich da schon die Hände). Mehr Staatsausgaben meinen die links-kritischen Webseiten. Wachstum und Wachstumsförderungsgesetze lösen angeblich alle unsere Probleme. Vor allem soll es auch den derzeit noch Benachteiligten einen Zugang zu den Futtertrögen der Nationen einrichten. So schwafeln denn die Politiker von ewigem Wachstum, um den sozialen Protest abzudrängen.

Einige Geldtheoretiker wollen die Zinsen abschaffen oder gar ein total anderes Geldsystem einführen, um das Wachstum zu retten. Einige sprechen sogar von einem Wachstumszwang, weil schon der Zinseffekt unseres Geldsystems ein entsprechendes Wachstum erzwinge, wenn es nicht immer wieder zu Krisen kommen soll. Dabei hat mir bisher Niemand erklären können, warum denn die derzeitige das Wachstum am schlimmsten treffende Krise eher mit zu lange zu niedrigen Zinsen zusammenhängt.

Doch entgegen allen Unkenrufen überlebt der Kapitalismus jetzt schon seit vielen Jahren praktisch ohne nennenswertes Wachstum oder allenfalls mit falsch gezähltem Wachstum. In gleitenden 5-Jahres-Schritten dargestellt, um die Zacken in alle Richtungen zu glätten, zeigt das die Abb. 04993 für Deutschland sehr deutlich. Ähnlich sieht das Bild für die Eurozone insgesamt aus (Abb. 04105). Ich bin total sicher, daß die meisten Mitmenschen diese dauerhafte Abwärtsentwicklung noch gar nicht auf ihrem Bildschirm oder im Hinterkopf haben.



Ebenso werden die Arbeitstunden in Deutschland seit vielen Jahren immer weniger, trotz allen Geschwafels um immer noch mögliche Vollbeschäftigung, und nicht etwa, weil die Gewerkschaft Arbeitszeitverkürzungen durchgesetzt hätten (Abb. 14714). Auch das hat sich bisher kaum rumgesprochen.


Ewiges Wachstum ist schon aus ökologischen Gründen und wegen der Erschöpfung wesentlicher Energie- und Rohstoffquellen nicht denkbar. Schon längst hat der Kampf um diese Quellen begonnen, und die enorme Verteuerung von Energie beispielsweise wirkt auch als starke Wachstumsbremse.

Doch weit wichtiger ist, was Schumpeter als "schöpferische Zerstörung" im Kapitalismus bezeichnet hat. Der technische Fortschritt selbst zerstört permanent Vermögenswerte, weil Autos, IT-Geräte, ganze Industrieanlagen usw. veralten und verschrottet werden, obwohl sie durchaus noch gebraucht werden könnten. In einer Wegwerfgesellschaft gilt das umsomehr. Die ständige Bewegung aus dem produzierenden Gewerbe in die Dienstleistungen, wie sie auch in Deutschland zu verzeichnen ist (Abb.14837), hinterläßt permanent einerseits Industrieruinen und kreiert andererseits immer mehr Tätigkeiten, die keine echten Werte schaffen, wie das expandierende Geldgewerbe, dessen Gewinne in USA bis zur Krise auf 40 % aller Unternehmensgewinne kletterten (Abb. 03703).



Vor allem aber die neoliberale Globalisierung ist ein großartiger Giga-Zerstörer. Je mehr z.B. China zur Werkbank der Welt wird, umso mehr verbrannte Erde wird an den alten Standorten in der Welt hinterlassen.

Für Deutschland ist die einseitige Exportorientierung Teil der Schumpeter'schen Zerstörung. Hier wird immer wieder kreditiert und mit Preisnachlässen gearbeitet, um Märkte zu erobern oder zu behaupten. Dann werden Überschüsse in fremden Währungen aufgebaut, die durch Abwertungen teilweise wieder vernichtet werden. Die Löhne müssen für den internationalen Wettbewerb im Keller gehalten werden. Das schädigt prompt die Massenkaufkraft und die Binnenkonjunktur und unterm Strich kommt viel weniger Wachstum durch Export heraus, als die Statistik in guten Zeiten vorgibt.

Zerstört werden auch viele wertvolle Erfahrungen und Kenntnisse, wenn Menschen nach Arbeitslosigkeit zwar Anstellung, aber nur in minderwertigen Tätigkeiten finden. Nach so viel Zerstörung fängt dann Alles wieder von vorn an. Bis zur nächsten Schumpeter'schen kreativen Zerstörung.

Dann wird auch noch das Abwracken nach der kreativen Zerstörung selbst als Wachstumbeitrag gerechnet. Und auch das Gesundheitssystem trägt sehr viel und immer mehr zur Wachstumszählung bei, obwohl es sehr oft keine neuen Werte schafft, weil es entweder Schäden repariert, die oft mit dem für Wachstum geschaffenen Streß zusammenhängen, oder der Verlängerung der Lebenserwartung dient, die auch kein wirtschaftlicher Wachstumsfaktor ist.

Jede Krise zerstört sehr viel Vermögen, die jetzige ganz besonders. Denken muß man da nur an die enorm steigende Arbeitslosigkeit, vor allem in USA, und die Verluste an Immobilien und die irrsinnigen Staatsgelder für die Banken, die nächstens als Steuern wieder abgeschöpft werden. Dabei hat die Krise wenig mit dem Geldthema als solchem zu tun, sondern vor allem mit der einseitigen Einkommens- und Vermögenskonzentration durch die neoliberale Globalisierung, einerseits global durch Überschüsse in China, Deutschland, Japan und den von steigenden Preisen begünstigten Ölländern, andererseits mit der durch den globalen Niedriglohndruck verursachten Konzentration bei den privaten Einkommen. Hinzu sind dann noch andere krisenauslösende Faktoren gekommen, die die Spekulation erleichtert haben, wie leichtfertige Hypothekenvergabe, Produktion als sicher deklarierter und gerateter Wertpapiere, leichtsinnige Banken, mangelnde Bankenaufsicht usw.. Die hohen Staatsausgaben und Zentralbankgelder werden jetzt auch erst einmal im BIP als Wachstum gezählt, weil sie in der Wirtschaft angelandet sind (soweit sie nicht bei den Banken hängen), obwohl die deshalb später stark steigenden Steuern dieses Scheinwachstum wieder wegnehmen werden.

Außerdem: Was ist denn Wachstum? Da wird viel Wachstum gezählt, das gar keines ist. Der einzige bei uns ehrliche Wachstumsfaktor ist der technische Fortschritt, wenn er vernünftig gemanaged wird, was aber meist nicht geschieht. Dagegen wird Umweltzerstörung immer total blödsinning und gefährlich auch als Wachstum gezählt. Jedenfalls ist nach allen in USA unter den gleichen Bedingungen jährlich an bestimmten Orten durchgeführten Befragungen trotz angeblichem über lange Zeiträume offiziell verzeichnetem hohem Wachstum die Zufriedenheit der Menschen überhaupt nicht gestiegen. Dabei sollte gerade die Zufriedenheit ein echtes Wachstumskriterium sein.

Doch offensichtlich wird die Wachstumslüge immer noch von großen Mehrheiten geglaubt. Und so kann das kapitalistische System mit kleineren Korrekturen immer weitermachen. So geht in Deutschland die einst sehr erfolgreiche Soziale Marktwirtschaft Stückchen für Stückchen weiter verloren.

Die Arm-Reich-Schere geht gerade wegen der neoliberalen Globalisierung und des Drucks aus den Niedrigstlohnländern, vor allem China, immer mehr auf. Seit dem Fall der Mauer hat der Kapitalismus sein Korrektiv durch einen seit Bismarcks Zeiten für gefährlich gehaltenen Kommunismus verloren und herrscht seitdem überall (auch in China) als Neoliberalismus kaum noch angefochten. Diese Form an Globalisierung bringt entgegen der Versprechungen nicht etwa überall Wachstum, sondern ganz überwiegend nur solches in den Portemonaies einer begünstigen Klasse von Kapitaleignern um den Globus herum.

In den entwickelten Industrieländern, wie Deutschland, brauchen wir für Glück und Zufriedenheit gar kein Wachstum, sondern eine Korrektur der besonders seit dem Fall der Mauer hart eingefahrenen Fehlsteuerungen, die mit dem Geldsystem als solchem sehr wenig zu tun haben, sondern nur mit der immer ungleicheren Verteilung von Einkommen und Vermögen durch Verlagerungsdrohungen, die Zulassung von gedumpten Importen, angebliche Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, den Aufbau eines wuchernden Niedriglohnsektors mit viel Leiharbeit, ein falsches Steuer- und Sozialsystem und vieles mehr.


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