„Leseprobe aus Über den Zaun geblickt"

Vorwort

Das von mir betriebene Informationsportal „Deutschland & Globalisierung" (www.jjahnke.net) kritisiert seit nun fast fünf Jahren den auf Lohndumping und besonders starker sozialer Aufspaltung der Gesellschaft beruhenden und ziemlich einsamen deutschen Sonderweg in die Globalisierung. Die sozialen Kosten der Exportweltmeisterschaft wurden dabei unter dem Teppich gehalten. Die einseitige, weit übertriebene Anhäufung von Leistungsbilanzüberschüssen und deren teilweise Anlage in hochriskanten Finanzmarktpapieren und Verwendung in Krediten an überschuldete Abnehmer deutscher Waren hat mit zur weltweiten Krise beigetragen. Sie hat das deutsche Bankensystem stark beschädigt. Auf diesem Sonderweg ist das extrem exportabhängige Deutschland mangels einer ausreichenden Binnennachfrage in eine besonders schwere Krise geraten.

Als ich vor drei Jahren in einem Interview mit der deutschen Presseagentur die Mehrheit der Deutschen zu den Verlierern dieser Form von Globalisierung zählte, erzeugte das noch eine Menge Stirnrunzeln. Im Mai 2008 habe ich in einem längeren Artikel in der Frankfurter Rundschau unter der Überschrift „Diese Zahlen klagen an" nachgelegt und Deutschland auf wichtigen Feldern mit den anderen Ländern der Alt-EU grafisch verglichen. Im Laufe der Jahre sind mit dem Infoportal, seinen bisher etwa 1.700 Rundbriefen und meinen bisher fünf Büchern zur Globalisierung etwa 3.700 grafische Analysen der deutschen Gesellschafts- und Wirtschaftslage entstanden. Ein sehr großer Teil davon vergleicht Deutschland mit seinen Nachbarn jenseits des Landeszaunes oder etwas weiter weg. Mit Vergleichen lebe ich ohnehin, da ich abwechselnd übers Jahr in den drei größten westeuropäischen Ländern Deutschland, Großbritannien und Frankreich zu Hause bin (und damit auch sprachlichen Zugang zu vielen nicht-deutschen Datenbanken habe). Ich habe mich schon ans Vergleichen gewöhnen müssen, als ich während 23 Jahren in der Außenwirtschaftsabteilung des Bundesministeriums für Wirtschaft arbeitete, zuletzt als Ministerialdirigent mit der Verantwortung für das, was wir noch zu Zeiten des Ost-West-Konflikts die „Dritte Welt" nannten.

Bei meiner vergleichenden Analysearbeit habe ich mit großen Sorgen beobachtet, wie Deutschland immer mehr in die Führungsgruppe von Ländern vorgestoßen ist, zu deren Charakterisierung mir nur der Begriff „neoliberal" einfällt. In vielen Bereichen hat Deutschland geradezu die neoliberale Führung übernommen. Daß z.B. Deutschland einmal in der Zahl der Superreichen pro Bevölkerung, also Menschen mit mehr als eine Million Dollar flüssigem Kapital, an den USA vorbeiziehen würde, wie dies 2008 geschehen ist, habe ich mir selbst nie vorstellen können oder gar wollen.

Man kann Deutschland natürlich nicht mit jedem Land der Welt vergleichen, sondern muß sich an die Länder halten, die als fortgeschrittene Industrieländer vergleichbar sind. Das sind für mich vor allem die Mitgliedsländer der Alt-EU, die bereits vor der letzten Beitrittswelle aus Osteuropa dazugehörten. Durch das Statistische Amt der Europäischen Union EUROSTAT sind für diesen Länderkreis relativ verläßliche Vergleichsdaten vorhanden. Über die Datenbasis von OECD, IWF und Weltbank kann man auch einige außereuropäische Länder, vor allem die USA und Japan, einbeziehen. Und daneben gibt es natürlich noch viele andere ausreichend seriöse Datenquellen. Auch haben deutsche und internationale Forschungsinstitute immer wieder an Vergleichen gearbeitet, die man berücksichtigen muß.

Wenn man eine fundierte Diskussion über die deutsche Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik bestreiten will, muß man einen Maßstab zur Hand haben, an dem die Leistungsfähigkeit unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems gemessen werden kann. Das kann ein Zeitvergleich sein, der die Entwicklungen gegenüber früher feststellt. Allerdings haben sich über die Zeit so viele Rahmenbedingungen geändert, viele davon außerhalb der bequemen Reichweite deutscher Politik, daß mit Zeitphasenvergleichen relativ schwer zu argumentieren ist. Dann bleibt nur der Maßstab eines internationalen Vergleichs mit Ländern ähnlicher Entwicklungsstufe, der mit Zeitphasen kombiniert werden kann. Nur mit dem Blick über den Zaun gewinnt man einen Kompaß durch den von Regierung und Medien aufgemachten Daten-Dschungel.

Die deutsche Politik und die ihr hörigen Medien meiden solche Vergleiche, weil sie sehr oft zum Nachteil der deutschen Politik ausfallen. Oder sie bringen nur solche, die wenigstens an der Oberfläche gut aussehen und oft auch noch ein bißchen manipuliert sind, wie die deutschen Arbeitsmarktzahlen. Dann klopft man uns als „Exportweltmeister" auf die Schultern, ohne die immensen Kosten dieses volkswirtschaftlichen Abendteuers zu erwähnen, wie sie sich jetzt in der Krise zeigen. Oder der Bundesarbeitsminister erklärt uns auf der Basis einer besonders stark manipulierten Statistik zu den letzten Arbeitsmarktzahlen mal wieder: „Andere Länder schauen neidisch auf unser Land. Wo es keinen gut ausgebauten Kündigungsschutz und keine aktive Arbeitsmarktpolitik gibt, ist die Arbeitslosigkeit seit Beginn der Krise dramatisch angestiegen. Zum Teil hat sie sich dort fast verdoppelt." Das klingt so, als sei die deutsche Arbeitsmarktpolitik einsame Spitze.

Ich habe mich daher entschlossen, aus den wichtigsten Vergleichsanalysen des Infoportals mit einigen Ergänzungen ein Kompendium zu schaffen, das als Nachschlagewerk für die Diskussion unserer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lage nützlich sein will. Auch wenn man nicht diskutieren will, kann man sich so ein besseres eigenes Bild verschaffen.

Die meisten der 145 Abbildungen sprechen für sich selbst. Statt sich durch die aus Platz- und Preisgründen ziemlich kompakt gehaltenen Begleittexte zu arbeiten, kann sich der Leser daher auch gleich auf die Abbildungen konzentrieren.



Teil 1: Problemfelder der Gesellschaft

Die Gesellschaftsstrukturen geben in ihren Unterschieden von Land zu Land sehr viel Einblick in die Verhältnisse eines Landes.

1. Familienstrukturen

Besonders die Geschlechterrollen in den Familien, die demographische Entwicklung mit der Zahl an Kindern pro Frau, und in diesem Zusammenhang auch die finanzielle Unterstützung von Familien mit Kindern, einschließlich Kindergartenplätzen, sind von Wichtigkeit.

Die niedrige Fruchtbarkeitsrate der Deutschen mit nur 1,37 Kindern pro Frau ist ein im internationalen Vergleich negativer Spitzenwert (Abb. 1). Dabei verharrt diese kritische Ziffer seit Jahren unter 1,4 (Abb. 2). Der Anteil derer unter 30 Jahren an der Gesamtbevölkerung ist der kleinste vor Italien (Abb. 3).

Nach Zahlen von Eurostat schrumpft allein die deutsche Bevölkerung unter den Ländern der Alt-EU, Norwegen und Schweiz (Abb. 4). Ursächlich ist die Kombination der niedrigsten Geburtenrate (Abb. 5) und der höchsten Sterberate (Abb. 6).

Eine Studie der OECD „Babies and Bosses, Reconciling Work and Family Life" erlaubt einen tiefen Einblick in die wirtschaftlichen Hintergründe der Familien. Dabei wurden Fruchtbarkeitsraten, Beschäftigungsraten der Frauen, Beschäftigungsraten der Alleinerzieher, Kindergartenbesuch, Kinderarmut und die Minderentlohnung der Frauen international verglichen. Viermal schneidet Deutschland unterdurchschnittlich ab, zweimal durchschnittlich und niemals überdurchschnittlich (Abb. 7). In Punkte vom Autor umgerechnet liegt Deutschland vor Italien am Ende des Vergleichsfeldes, und berücksichtigt man die Entwicklung der Kinderarmut seit dem Vergleichsjahr 2000, die besonders wegen Hartz IV sehr ungünstig verläuft, mit Sicherheit am absoluten Ende (Abb. 8). Man beachte die exzellente Platzierung der Skandinavier.

Besonders schlecht ist die Ausstattung mit Kindergartenplätzen. Hier rangiert Deutschland auf dem 17. von 20 Plätzen (Abb. 9).

In den Finanzaufwendungen für Familien gemessen als Anteil am Bruttoinlandsprodukt liegt Deutschland auf Platz 11 von 19, davon bei den Barleistungen erst auf Platz 12 (Abb. 10, 11).

Schlecht schneidet Deutschland auch beim Beschäftigungsanteil von Alleinerziehern (Abb. 12). Angesichts der wachsenden Zahl von Alleinerziehern sind beide miserablen Platzierungen unmittelbar mitverantwortlich für die ungünstige demographische Entwicklung.

Die Kinderzahl hängt nach einer internationalen an der Universität Oxford erarbeiteten Studie nicht zuletzt von der Verteilung der Rolle von Mann und Frau im Haushalt ab. Die Studie erarbeitet den statistischen Zusammenhang zwischen Gleichheitsgrad in der Beteiligung an Haushalt und Erziehung und andererseits der Geburtenrate. Beruhend auf Interviews mit 13.500 Männern und Frauen zwischen 20 und 45 Jahren in 12 Ländern, erstelllt sie einen Index und eine Reihenfolge. Die Kinderzahl pro Frau korresondiert eng mit dem Anteil der in Partnerschaft lebenden Bevölkerung (Abb. 13). Deutschland hat den kleinsten Anteil in Partnerschaft und eine der kleinsten Kinderzahlen pro Frau unter den untersuchten Ländern.

Dann stellt die Studie eine Reihenfolge in der Gleichheit der Lastenteilung auf. Dabei nimmt Deutschland (nur noch von Österreich unterboten) den letzten Platz in Europa ein (Abb. 14). In der führenden Position sind wenig überraschend mit großem Abstand die skandinavischen Länder Schweden und Norwegen. Die Studie fand heraus, daß Frauen in Ländern mit mehr zur Gleichheit neigenden Männern eher bereit sind, eine Partnerschaft einzugehen und Kinder zu haben.

2. Lage der Frauen

Bildung

Frauen sind immer noch im Zugang zur höheren Bildung benachteiligt. Im Vergleich der Oberstufenabschlüsse rangiert Deutschland mit einem Anteil von 83 % an der Altersgruppe 25 bis 33 Jahre noch im Mittelfeld (Abb. 15), allerdings nicht wenn man den Frauenanteil mit dem der Männer vergleicht (Abb.16).

Dabei ist die Nettozugangsquote der Frauen zum Studium in Deutschland pro Bevölkerung im Alter 25 bis 34 Jahre, aber auch im Verhältnis zur Männerquote besonders niedrig (Abb. 17, 18).

Mit nur knapp 21 % hat Deutschland einen besonders kleinen Anteil von Frauen mit Hochschulausbildung. Damit landet es erst auf Platz 18 von 27 der erweiterten EU und weit hinter den skandinavischen Spitzenländern mit nahe oder über 40 % (Abb. 19). Besonders deutlich wird die Diskriminierung, wenn man die Anteile von Frauen zu Männern vergleicht. Hier liegt Deutschland weit abgeschlagen auf dem letzten Platz (Abb.20).

Beschäftigungsanteil

Während Deutschland beim Beschäftigungsanteil der Frauen insgesamt noch im Mittelfeld liegt (Abb. 21), fällt es bei Frauen mit Kindern auf den 20. Platz unter 24 zurück (Abb.22).

Lohndiskriminierung

Zu allem Überfluß verzeichnet Deutschland nach den Niederlanden und Österreich den größten Lohnabstand der Frauen gegenüber den Männern (Abb. 23, 24).

Anteil in Führungsetagen der Wirtschaft

Unter solchen Umständen sollte nicht überraschen, daß der Anteil der Frauen in Führungsetagen der Wirtschaft nur für den 21. von 24 Plätzen ausreicht (Abb. 25).

3. Alte und Renten

Nur Italien hat unter allen Ländern der Alt-EU einen noch höheren Anteil als Deutschland an Menschen über 65 Jahre (Abb. 26). Dabei gehört Deutschland zu den Ländern, in denen die Menschen relativ früh in Rente gehen (Abb. 27), selten jedoch auf der Basis einer eigenen Lebensplanung, sondern meist wegen des Arbeitsmarktes oder einer schlechten Gesundheit.

Die höhere Lebenserwartung geht sehr oft mit einem Anstieg chronischer Leiden zusammen. In Deutschland fühlen sich nach der Umfrage von EUROSTAT bereits 61 Prozent chronisch krank (Abb. 28). Dabei fordert auch die moderne Arbeitswelt mit ihrem ständigen Druck auf Produktivitätssteigerung verbunden mit dem Risiko des Arbeitsplatzverlustes in Deutschland einen hohen Zoll ein.

Ältere Jahrgänge werden in Deutschland stärker in die Langzeitarbeitslosigkeit abgedrängt als in anderen Ländern und haben einen relativ niedrigen Beschäftigungsgrad (Abb.29).

Beim Renteneinkommen gemessen am letzten Arbeitseinkommen liegt Deutschland so ziemlich am Ende des Feldes (Abb.30, 31). Das gilt besonders für die Renten auf der Basis kleinerer Arbeitseinkommen, weil es keine Mindestrenten gibt.



Nachwort

Wenn Sie sich durch diese meist für Deutschland wenig erfreuliche Daten gearbeitet oder sie mindestens überflogen haben, werden Sie vielleicht zwei Fragen stellen wollen. Ist das nur eine besonders einseitige Auswahl? Wenn nein, ist eine solche Entwicklung Deutschlands wirklich nötig und unvermeidbar?

Darauf möchte ich zwei Antworten geben. Erstens, da nicht alle in der Welt zu allen Bereichen verfügbaren Daten aufgegriffen werden können, muß es eine Auswahl bleiben. Ich bin überzeugt, die wichtigsten Bereiche für den Vergleich herausgesucht zu haben. Jedenfalls habe ich keinen Bereich zur Seite gelegt, weil Deutschland dort zu gut aussehen würde. Wenn Sie anderer Meinung sein sollten, schreiben Sie bitte an globalnote@talktalk.net. Auch habe ich natürlich nicht ältere für Deutschland schlecht aussehende Statistiken herangezogen, obwohl es bessere neuere gab. Alle Statistiken wurden auf den neuesten Stand gebracht. Im Übrigen rangiert Deutschland in vielen Schaubildern im Mittelfeld und in einigen auch in der Spitze. Hätte ich Deutschland miesmachen wollen, hätte ich die unterschlagen.

Antwort auf die zweite Frage: Die im Vergleich zu anderen Ländern besonders negativen Ergebnisse sind fast alle das Produkt einer falschen Wirtschafts- und Sozialpolitik, oft über die Bande einer rücksichtlosen Globalisierung gespielt. Die Wiedervereinigung kann zehn Jahre später nicht mehr als Ausrede dienen. Nur wenn solche Vergleichsbetrachtungen genügend bekannt werden, wird sich in Deutschland ausreichend Widerstand gegen die falschen Politiken aufbauen, auch bei vielen Menschen, die sich ohne Vergleichsmöglichkeit noch im Vorteil sehen. Die große Mehrheit wird nicht akzeptieren wollen, daß unser Land so in den Keller und unter die Fußkranken getrieben wird.