Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 11/09/2009 09:37 -
Auswertung der September 2009 Ausgabe der OECD von "Bildung auf einen Blick" und anderen Materials
Der Kampf um wirtschaftlichen Wohlstand und relative Vorteile im internationalen Wettbewerb findet verstärkt über Investitionen ins Bildungssystem statt. Vor allem die Länder Asiens werfen enorme Mittel in ihre Bildungssysteme und greifen damit den Rest der Welt in der Konkurrenz nicht nur am unteren Ende der einfachen Produkte sondern auch in High-Tech und wertvollen Dienstleistungen an. Allein in China und Indien kommen jedes Jahr 4 Millionen Hochschulabsolventen dazu, schon jetzt wesentlich mehr als die 3,2 Millionen in Europa; für ganz Asien sind es ca 7,5 Millionen.
In dieser Situation waren schon die OECD-Bildungsberichte von 2007 und 2008
aufrüttelnd. Auch der neue Bericht dieses Jahres zeigt deutlich, wie Deutschland seine Zukunft verspielt. Hier einige
immer noch zutreffende Zitate von Angel Gurría, Generalsekretär der OECD, bei der Vorstellung des 2007-Berichts in Berlin:
»» Vergleicht man aber die Gesamtheit der tertiären Bildungsabschlüsse (Studium) der Generation, die sich dem Rentenalter nähert, mit dem Qualifikationsniveau
der 25- bis 34-Jährigen, so ist Deutschland von Rang 10 auf Rang 22 zurückgefallen, und zwar vor allem deshalb, weil die Abschlussquoten im tertiären Bildungsbereich andernorts so viel
rascher gestiegen sind. In den letzten zehn Jahren haben die Immatrikulationen für tertiäre Bildungsgänge OECD-weit um durchschnittlich 41% und die Ausgaben für die
Tertiärbildung um 55% zugenommen. Demgegenüber sind die Immatrikulationen in Deutschland um gerade einmal 5% und die Ausgaben um 12% gestiegen.
»» Zu der ohnehin geringen Bildungsbeteiligung
im Hochschulsektor kommt noch hinzu, dass ein großer Teil der Studierenden die Ausbildung ohne Abschluss abbricht. Bei den traditionellen fünf- bis sechsjährigen Studiengängen in
Deutschland wird mit 35% eine hohe Abbrecherquote verzeichnet.
»» Deutschland gibt pro Studierenden im Tertiärbereich weniger aus als im OECD-Durchschnitt und weniger als die Hälfte des
Betrags, den die Vereinigten Staaten hierfür.
»» Deutschland gehört zu den Ländern, in denen der soziale Hintergrund den größten Einfluss auf die Bildungsbeteiligung im
Tertiärbereich hat: So haben nur 16% der Studierenden in Deutschland einen Vater, der Arbeiter ist. Bereits im Alter von zehn Jahren werden Schulkinder auf die verschiedenen Zweige des
Schulsystems verteilt, wobei Kinder aus sozial benachteiligten Familien häufig an Zweige verwiesen werden, in denen die Leistungserwartungen niedriger sind. Das zeigt sich auch an den schwachen
schulischen Leistungen von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund.
»» Die Mehrheit der deutschen 15-Jährigen zieht eine Hochschul- oder Berufsausbildung im tertiären
Bereich nicht einmal mehr ernsthaft in Betracht: Lediglich 21% der Mädchen und 18% der Jungen streben einen tertiären Bildungsabschluss an. Diese Zahlen sind besorgniserregend. In Korea
streben nahezu 80% der 15-Jährigen einen tertiären Bildungsabschluss an. Der OECD-Durchschnitt liegt immer noch über 50%.
Abbildung 13807 gibt einen groben Überblick der deutschen Platzierung bei der besonders ungünstigen Situation der Hochschulabschlüsse und der im internationalen Vergleich unzulänglichen finanziellen Ausstattung des Bildungssystems. Im weiteren Bericht werden die einzelnen Aussagen detailliert mit besonderen Darstellungen aufgegriffen.

I. Ausbildungsstand
Deutschland landet mit einem Anteil von Hochschulabsolventen in der Gruppe der Jüngeren von 25 bis 35 Jahren - also der akademische Nachwuchs - auf einem der hintersten Plätze (Abb. 13088).

II. Hochschulabschlüsse
Während Deutschland bei der Abschlußquote im Sekundärbereich noch relativ gut abschneidet, sieht es mit den Hochschulabschlüssen viel schlechter aus. Deutschland liegt hier mit einer Hochschulabschlußquote von nur 23 % des Jahrgangs weit unter dem OECD-Durchschnitt von 39 % so ziemlich am Ende des Vergleichsfeldes (Abb. 13001). Anders als die meisten anderen Länder hat Deutschland die Abschlußquote zwischen 2000 und 2006 kaum verbessern können (Abb. 13089). Weniger Akademiker als in Deutschland werden nur noch in zwei Vergleichsländern ausgebildet: in Österreich und Griechenland. "Wenn man berücksichtigt, dass künftig geburtenschwache Jahrgänge die Schule verlassen, wird Deutschland den steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften so nicht befriedigen können", so schon Studie des vorvergangenen Jahres. Das sei mit Blick auf die Bevölkerungsentwicklung Besorgnis erregend.


III. Hochschulabschlüsse im natur- und ingenieurwissenschaftlichen Bereich
Niedrige Abschlussquoten in den 80er und 90er Jahren schlagen sich auch in einem niedrigen Anteil von naturwissenschaftlichen Hochschulabsolventen in der Erwerbsbevölkerung nieder. Mit lediglich 1423 naturwissenschaftlichen Absolventen der Hoch- und Fachhochschulen unter 100.000 Erwerbstätigen in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen liegt Deutschland unter den OECD-Staaten mit vergleichbaren Daten nur unternhalb des Durchschnittes im unteren Mittelfeld (Abb. 13002). Während Deutschland bei den Männern noch 88 % des OECD-Durchschnitts erreicht sind es bei den Frauen nur 77 % (Abb. 13318).


Die Ersatzquote für die älteren und demnächst in den Ruhestand gehenden Ingenieure und Naturwissenschaftler ist im internationalen Vergleich besonders ungünstig (Abb. 12682, 12683).


Zwar erscheinen die deutschen Ersatzquoten für Ingenieure von 0,9 und Naturwissenschaftler von 2,1 für sich genommen auf ersten Anlick noch komfortabel. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, daß hier eine Generation ersetzt wird, die vor dreißig Jahren studiert hat. Damals gab es in Deutschland noch jede Menge an handwerklichen und einfacheren industriellen Jobs und einen kleineren Anteil an Naturwissenschaftlern und hochtechnologischen Jobs als heute. Wo sollen denn die deutschen Jobs der Zukunft sein, wenn nicht im technologischen Bereich (d.h. überwiegend in technologischen Dienstleistungen) ? Und da kommt die ausscheidende deutsche Generation aus Jahrgängen, in denen z.B. die Informationstechnologie längst nicht die Rolle gespielt hat, wie sie sie derzeit spielt und in Zukunft noch mehr spielen wird und wo es in Deutschland schon jetzt Fachkräftemangel gibt. Im Zeitalter der neoliberalen Globalisierung verlangt einfach der verschäfte Wettbewerb, daß sich Deutschland auch in der Berufsstruktur höher qualifiziert.
Die OECD erfaßt in ihrer Erhebung nicht die asiatischen Schwellenländer. Doch nach Angaben der UNCTAD im letzten Weltentwicklungsbericht hatte China bereits 2001 die zweitgrößte Zahl an Wissenschaftlern in der Welt sowie Personal in Forschung und Entwicklung, das schon größer als das japanische war. Jedes Jahr stoßen an die 350.000 neu ausgebildete Ingenieure hinzu.
IV. Öffentliche Mittel im Bildungssystem
Ein besonders leidiges Thema ist der Einsatz öffentlicher Mittel im Bildungssystem. Auch hier schneidet Deutschland in US $ zu Kaufkrafteinheiten pro Schüler/Student nicht besonders gut ab (Abb. 13332).

Auch im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt rangiert Deutschland mit 4,8 % weit unten und auch weit unter dem OECD-Durchschnitt (Abb. 13004). 1995 hatte der Anteil noch 5,1 % betragen (13804). Ähnlich verhält es sich mit dem Anteil an allen öffentlichen Ausgaben, wo Deutschland den drittletzten Platz einnimmt (Abb. 13805).



Bei den Ausgaben pro Grundschüler liegt Deutschland fast ganz am Ende des internationalen Feldes (Abb. 13092, 13093). Die Unterfinanzierung des Bildungssystems findet im wesentlichen bei den Grundschülern statt, also gerade dort, wo die Kinder aus den weniger wohlhabenden Elternhäusern hängenbleiben.




Die Unterversorgung der Grundschulen zeigt sich auch in dem ungünstigen Verhältnis der Zahl der Schüler pro Lehrpersonal (Abb. 13806).

V. Bildungsaussichten und Familieneinkommen
Die zweite Pisa-Studie von 2004 hat eneut belegt, daß in keinem anderen vergleichbaren Industriestaat der Welt der Schulerfolg so abhängig vom Familieneinkommen und der Vorbildung der Eltern wie in Deutschland ist, nur in Ungarn, Belgien und Portugal sind die Aussichten für Kinder aus sozial schwachen Familien noch schlechter. Das ist im übrigen auch das Ergebnis des Armutberichts der Bundesregierung von 2004, demzufolge Kinder von Gutverdienern eine mehr als siebenfach größere Chance, ein Studium aufzunehmen, haben als Kinder aus einem Elternhaus mit niedrigem sozialem Status, relativ wenig Chancengleichheit also.
Nach der OECD-Berechnung ist an deutschen Schulen für Kinder aus der unteren sozialen Schicht die "Wahrscheinlichkeit" des Versagens in der Basisqualifikation Mathematik um 4,6 mal größer als für Kinder aus der Oberschicht. Nur noch Belgien, die Slowakei und Ungarn haben unter 29 untersuchten Staaten noch schlechtere Werte. Erneut wird damit auf die mit mehreren Studien belegte hohe Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft in Deutschland verwiesen (Abb. 13090). Ebenso ist die Wahrscheinlichkeit, keinen Hochschulabschluß zu erreichen, 3,1 mal größer (Abb. 13317); das ist fast doppelt so hoch wie in Finnland und wird nur noch von Ungarn übertroffen.


Auch weisen Studenten viel häufiger Väter auf, die ebenfalls studiert haben, als es deren Anteil an der Gesamtgeneration entspricht (Abb. 13321).

VI. Die Pisastudien
Die OECD vergleicht regelmäßig die Bildungssysteme ihrer Mitgliedsländer. Ihre sog. "Pisa-Studien" haben in Deutschland wegen des relativ schlechten Abschneidens Schockwellen ausgelöst. Das gilt vor allem im Vergleich zu den vorzüglich abschneidenden skandinavischen Ländern. Nach der letzten Pisa-Studie für 2003 ist Finnland erneut der internationale Spitzenreiter im Bereich der Schulbildung. Aber auch Schweden und Dänemark schneiden in der Regel besser als Deutschland ab und liegen meist oberhalb des Durchschnitts, während Deutschland im Mittelfeld hängen bleibt (Abb. 12027). Auffällig ist dabei die in Deutschland relativ hohe Leistungsvarianz zwischen Schulen, die sich von dem einheitlicheren Bild z.B. der skandinavischen Länder unterscheidet.

VII. Berufliche Weiterbildung
Auch bei der beruflichen Weiterbildung sieht es nicht besonders gut aus. Die Unternehmen rufen nicht einmal die Subventionen ab, die hierfür bei der Bundesagentur für Arbeit bereitgehalten werden. Die Frankfurter Rundschau hat vor einiger Zeit Mytzek-Zühlke vom Wissenschaftszentrum in Berlin befragt. Nach seinen Ermittlungen nimmt Deutschland im europäischen Vergleich nur einen Platz unterhalb des Durchschnitts ein: " Ich untersuche die Weiterbildungsaktivitäten von privaten Betrieben in vier europäischen Ländern: in Deutschland, Schweden, Dänemark und Großbritannien. Die Zahlen, auf die ich mich berufe, sind aus der Europäischen Weiterbildungserhebung und seit 2001 bekannt. 32 Prozent der Beschäftigten in deutschen Unternehmen mit zehn und mehr Beschäftigten haben 1999 an Weiterbildungsaktivitäten teilgenommen. In Schweden waren es 61 Prozent, in Dänemark 53 Prozent, selbst in Großbritannien waren es 49 Prozent (siehe Abb. 12135). Deutschland ist also in diesem Ländervergleich das Schlusslicht."

VIII. Bildung von Immigrantenkindern
Im internationalen Vergleich ist der Anteil der im Ausland geborenen Bevölkerung relativ hoch und wird schon jetzt fast nur von den ausgesprochenen Einwanderungsländern Kanada und Australien übertroffen (Abb. 13285). Entsprechend wichtig ist der Schulerfolg der Immigrantenkinder.

Deutschland hat nach Feststellungen der OECD den bei weitem größten negativen Abstand in der Lesefähigkeit von Immigranten-Kindern verglichen mit denen von einheimischen Eltern (Abb. 13284). Auch bei mathematischen Leistungen haben Immigrantenkinder in Deutschland den im internationalen Vergleich größten Abstand von einheimischen Kindern (Abb. 13320).


Die Chancen von Immigrantenkindern der zweiten Generation, in Deutschland einen Hochschulabschluß zu erreichen sind besonders schlecht (Abb. 13319).

IX. Fazit
Man wird sagen müssen: In einer Zeit verstärkten globalen Wettbewerbs
riskiert Deutschland wegen Schwächen im Bildungssystem zusätzliche Arbeitslosigkeit und seine Wettbewerbsfähigkeit. Wie soll Deutschland als ein Staat, der die Steuern drastisch senkt
und dann wegen der Schulden sparen muß, die notwendigen Mittel für die Gestaltung seiner Zukunft finden?
Dieser Bericht sollte vor dem Hintergrund des Berichts "Verspielt
Deutschland seine technologische Zukunft" gesehen werden.
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