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Schwerpunktthema auf jjahnke.net - zuletzt aktualisiert: 29/11/2007 16:37 -

Bücher zur Webseite: "Falsch globalisiert (Mai 2006)
und "Deutschland global" (2005)

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Nun wird jeden Monat selbst bei einem weiteren geringen Abbau an Arbeitslosigkeit ein neuer Rekord verkündet. So SPIEGEL online: „Kaum im Amt, kann der neue Arbeitsminister Scholz schon einen Rekord verkünden: Die Zahl der Arbeitslosen ist so gering wie seit Juni 1993 nicht mehr."

Im November verzeichnet in der Statistik der Bundesagentur gegenüber Vormonat einen Rückgang der saisonbereinigten Arbeitslosigkeit um 55.000. Doch angesichts des im Vorjahresvergleich starken Aufbaus an prekären Beschäftigungsverhältnissen, besonders der unsicheren Leiharbeitsverhälnisse, und der fortgesetzten "administrativen Bereinigung" und der - von der Arbeitsmarktpolitik unabhängigen - demographische Entwicklung ist die Arbeitsmarktsituation trotz aller Erfolgsmeldungen immer noch schwierig. In einer Nettogegenrechnung des Aufwuchses solcher prekärer Arbeitsverhältnisse und der statistischen Sonderfaktoren bleibt vom angeblichen Boom am Arbeitsmarkt viel weniger übrig. Gerade die unsicheren zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnisse werden teilweise sehr schnell wieder verschwinden, wenn sich die Konjunktur - wie erwartet wird - weiter abschwächt. Nicht vergessen: Bei einer kaputten Verbraucherkonjunktur hängt die Entwicklung des Arbeitsmarktes gefährlich am unsicher werdenden Export. Im europäischen Vergleich bleibt Deutschland bei den besonders belasteten Langzeitarbeitslosen am Ende des Vergleichsfeldes und sieht auch sonst nicht besonders aus.

1. Unbereinigte Zahl der Zahl der Beschäftigten und Arbeitslosen

Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat nach der jüngsten Statistik für September zwar gegenüber Vormonat um 313.000 zugenommen. Über einen längeren Zeitraum hat sie jedoch wenig Entwicklung gezeigt; seit Beginn des Jahres geht der Zuwachs zurück (Abb. 04008, 04964). Erst recht zeigt sich der Rückgang, wenn man mit langfristig mit 1995 vergleicht (Abb. 14011). 2,1 Mio sozialversicherungspflichtig Beschäftigte übten zusätzlich einen geringfügig entlohnten Nebenjob aus - gegenüber dem Vorjahr 123.000 mehr -, was die teilweise minderwertige Qualität auch der versicherungspflichtigen Beschäftigung zeigt.




Die unbereinigten Zahl der Arbeitslosen ging im Oktober gegenüber Vormonat um 1,6 % zurück, viel weniger als im Oktober, als der Rückgang noch bei 3,1 % lag (Abb. 04595).


2. Saisonbereinigte Zahlen

Das Wachstum der Beschäftigung fiel im Vormonatsvergleich saisonbereinigt leicht auf nur noch 0,08 % ab (Abb. 04942).


Bei der Arbeitslosigkeit errechnet sich saisonbereinigt im September ein Abbau der Zahl der Arbeitslosen um nur 53.000 gegenüber dem Vormonat, etwas mehr als im Vormonat (Abb. 04772).


3. Struktur-Effekte der Beschäftigung: Mc Jobs

In den Worten der Bundesagentur: "Vor allem bei unternehmensnahen Dienstleistungen gab es einen kräftigen Anstieg (+7 Prozent bzw. +242.000), der wiederum zum größten Teil von Arbeitnehmerüberlassung getragen wird." Arbeitnehmerüberlassung ist die vornehme amtsdeutsche Umschreibung für Leiharbeit. Im Klartext: 39.2 % des Rückgangs an Arbeitslosigkeit und 54 % der Gesamtzunahme an Erwerbstätigkeit (Monatsdurchschnitte) über ein ganzes Jahr entfällt bereits auf unsichere und in der Regel schlecht bezahlte Zeitverträge (Abb. 04970).


Die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten, die nicht als arbeitslos gemeldet werden, liegt weiterhin sehr hoch. Sie hat nach ersten Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit im September 4,79 Mio betragen, 12.000 mehr als vor einem Jahr. Nach einer neuen Studie des öffentlichen Instituts für Arbeitsmarktforschung müssen inzwischen 1,33 Millionen Menschen ihr mageres Gehalt durch Hartz IV-Leistungen aufstocken lassen - das sind über eine halbe Million mehr als noch vor zwei Jahren. Unter ihnen befanden sich im Januar 2007 fast eine halbe Million Menschen, die einen sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjob haben.

Abb. 04922 zeigt, in welchem großem Umfang der Rückgang der Arbeitslosigkeit durch prekäre Arbeitsverhältnisse und die demographische Entwicklung bestimmt ist. Leider verrät uns die Bundesagentur nicht, obwohl ihr die Zahl bekannt sein sollte, wie viel des Rückgangs an Arbeitslosigkeit auf der von ihr angedeuteten systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus beruht.


4. Langzeitarbeitslose, internationaler Vergleich

Dabei verzeichnet die Statistik trotz aller Aussortierungsmanöver, die gerade auf dieses Segment konzentriert sind, mit rund 39 % weiterhin und unverändert einen hohen Anteil an Langzeitarbeitslosen (Abb. 04033), auf der Basis der letzten Eurostat-Erfassung für das 2. Quartal 2007, den höchsten in den Alt-EU-Ländern nach Griechenland und Belgien (Abb. 04022).



Auch sonst ist im internationalen Vergleich die deutsche Arbeitslosigkeit auf dem 15. Platz von 18 Vergleichsländern immer noch hoch, zumal alle größeren bis auf Frankreich wesentlich niedrigere Raten haben (Abb. 04068).


Angesichts des deutschen Dauertriumphes bei den Arbeitsmarktdaten sollte man die der Nachbarn zur Ernüchterung im Auge behalten.

6. Aus dem Kleingedruckten

Und hier noch einiges aus dem Kleingedruckten der Bundesagentur, das die eigenen Unsicherheiten im Umgang mit dieser Statistik zeigt:

    » Außerdem wird der Arbeitsmarkt durch ein rückläufiges Arbeitskräfteangebot entlastet, das nach Einschätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2007 jahresdurchschnittlich um 73.000 abnimmt.
    » Darüber hinaus dürfte die intensivere Betreuung von Arbeitslosen sowie die systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus für den Vorjahresvergleich noch von Einfluss gewesen sein, allerdings mit abnehmender Tendenz (Infoportal: Bedeutet rigorose Aussortierung). " Eine besonders beunruhigende Beeinträchtigung der Verläßlichkeit und Aussagefähigkeit der Statistik ist der "Verschiebebahnhof" zwischen der Arbeitslosenzählung und der Zählung der Arbeitssuchenden, die nicht als arbeitslos gerechnet werden, auf die ich im März-Kommentar ausführlich eingegangen bin.

7. Immer mehr Hilfsbedürftige

Der Deutsche Landkreistag (DLT) beklagt jetzt eine stetig wachsende Zahl von jetzt schon 7,4 Millionen Arbeitslosen, die Hartz-IV-Empfänger mit Arbeitslosengeld II sind. Der Landkreistag kritisierte, dass die Zahl der "Hartz-IV"-Bezieher bislang auf die Langzeitarbeitslosen verengt werde. Ein-Euro-Jobber mit mehr als 15 Wochenstunden, Kranke oder Ausbildungsplatzsuchende etwa fänden sich dagegen nicht in der Arbeitslosenstatistik wieder, obwohl deren Lage oft nicht besser sei. Gleiches gelte für Erwerbstätige im Niedriglohnbereich, die zusätzlich auf ALG II angewiesen seien. DLT: "Es wird endlich Zeit, dass wir uns den vielschichtigen Problemen offen stellen und uns eingestehen, dass die Zahl der Personen wächst, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die hohe Zahl an Hilfsbedürftigen entwickele sich gegenläufig zur sinkenden Langzeitarbeitslosigkeit und nehme beständig zu. In der aktuellen Arbeitslosenstatistik seien von den 7,4 Millionen Hartz-IV-Sozialfällen lediglich rund 2,5 Millionen Menschen erfasst. Die von der Politik verkündete positive, hoffnungsvolle Botschaft sei ein Trugbild. Es gehe nicht bergauf, ganz im Gegenteil".

9. Fazit

Ins kritische Auge springt vor allem der auch im November im Vorjahresvergleich starke Aufbau an prekären Beschäftigungsverhältnissen, besonders der unsicheren Leiharbeitsverhälnisse, und die fortgesetzte "administrativen Bereinigung", die - neben der von der Arbeitsmarktpolitik unabhängigen demographische Entwicklung - eine bessere Entwicklung vortäuscht. In einer Nettogegenrechnung des Aufwuchses solcher prekärer Arbeitsverhältnisse und der statistischen Sonderfaktoren bleibt vom angeblichen Boom am Arbeitsmarkt viel weniger übrig. Gerade die unsicheren zeitlich begrenzten Arbeitsverhältnisse werden teilweise sehr schnell wieder verschwinden, wenn sich die Konjunktur - wie erwartet wird - weiter abschwächt.

Im europäischen Vergleich bleibt Deutschland bei den besonders belasteten Langzeitarbeitslosen am Ende des Vergleichsfeldes und sieht auch sonst nicht besonders aus.


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Hinweis auf mein neues Buch: Falsch globalisiert, 232 Seiten, 250 Abbildungen, € 14,80 - ist im Mai im vsa-Verlag als Taschenbuch erschienen (ISBN 3-89965-193-6). Das Buch greift 30 der wichtigsten Schwerpunkte in aktualisierter Form auf. Neue Rezension in FR. 16 wichtigste Schaubilder hier stets aktualisiert (auch Korrekturen).

Hier zu meiner kurzen Einführung bei der Vorstellung des Buches am 15. Mai im Beisein von Jürgen Peters, Vorsitzender des Verwaltungsrates der Otto Brenner Stiftung und Vorsitzender der IG Metall, und Professor Dr. Peter Bofinger, Universität Würzburg, und hier zu einer aktuellen Einschätzung sowie zu meinem halbstündigen WDR-Interview zum Abhören.