1. Übersicht
Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit lassen Zeitphasenvergleiche und damit eine Beurteilung der Entwicklung kaum noch zu, weil immer neue Veränderungen und Manipulationen in der statistischen Basis erfolgt sind. Diese „Statistik" ist inzwischen die bei Weitem verlogenste, die amtlich in Deutschland erstellt wird (siehe dazu Teil 8 unten).
Im Vergleich zum Vorjahr hat die Unterbeschäftigung (noch ohne Kurzarbeit) mit 3,1 % auf 4,7 Millionen erheblich zugenommen. Vor allem: Abzüglich der offiziell gezählten Arbeitslosigkeit hat die in der Unterbeschäftigung versteckte im März um 16 % gegenüber Vorjahr zugelegt. Vor allem hat die besonders bedrückende Zahl der Langzeitarbeitslosen, die länger als 12 Monate arbeitslos waren, gegenüber dem Vorjahr um 19.000 oder 2 % weoter auf fast 1 Million zugenommen Die Zahl der Kurzarbeiter liegt nach den letzten schon etwas veralteten Zahlen für Dezember 2009 immer noch bei 0,9 Millionen. Auch wenn es bisher hätte weitaus schlimmer kommen können, gibt die Situation keinen Grund zum Jubel.
2. Immer noch sehr viel Kurzarbeit
Zahlen zur tatsächlichen Inanspruchnahme von Kurzarbeitergeld liegen jeweils zwei Monate nach Quartalsende vor. Nach den immer noch jüngsten Angaben wurde im Dezember an 890.000 Arbeitnehmer Kurzarbeitergeld gezahlt. Sehr deutlich zeigt sich die Kurzarbeit in den geleisteten Arbeitstunden der gewerblichen Wirtschaft, die im Januar um 4,8 % unter dem Vorjahreszeitraum lagen (Abb. 14834).

3. Nachfrage nach Arbeitskräften
Relativ unbehelligt von statistischen Manipulationen ist auch die Entwicklung der Arbeitskräftenachfrage einzuordnen, die von der Bundesagentur als "Stellenindex BA-X" monatlich bekannt gegeben wird. Dieser Index ist laut Bundesagentur der aktuellste Stellenindex in Deutschland und beruht auf konkreten Stellengesuchen der Firmen. Er signalisiert die Einstellungsbereitschaft und bildet die Entwicklung der Arbeitskräftenachfrage am ersten Arbeitsmarkt ab. In den saisonbereinigten Index fließen die bei der BA gemeldeten ungeförderten Stellen für "normale" sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis, die Stellen für Freiberufler und Selbständige sowie die gemeldeten Stellen aus der privaten Arbeitsvermittlung ein. BA-X zeigt für März eine Aufwärtsentwicklung an, liegt aber weiterhin deutlich unter dem Niveau des Vorkrisenjahres 2008 (Abb. 14616).

4. Beschäftigte und Arbeitslose
Die Beschäftigung entwickelt sich seit Mitte letztes Jahres im Vorjahresvergleich negativ, wenn auch mit kleineren Rückgangsraten (Abb. 14041). Der Begriff „Beschäftigung" umfaßt jedoch viele Minijobs, Trainingsmaßnahmen und andere Überbrückungen, die praktisch Arbeitslosigkeit bedeuten und nur unter "Unterbeschäftigung" ausgewiesen werden.

Die Arbeitslosigkeit ging im Vorjahresvergleich erstmals wieder um 0,5 % zurück, wobei allerdings die von Dritten betreuten Jobsuchenden von der Bundesagentur irreführend (siehe unten Teil 8) nicht mehr als Arbeitslose erfaßt werden, was die Statistik entwertet (Abb. 04772). Die durch Dritte betreuten Arbeitslosen wurden einfach in die "Unterbeschäftigung" verschoben, die nach Schätzung der Agentur im Vergleich zum Vorjahr (ohne Kurzarbeit) um 143.000 oder 3,1 % gestiegen ist. Die Unterbeschäftigungsquote lag bei 11,2 %. Einschließlich der Kurzarbeit dürfte die Quote bei über 13 % gelegen haben.

Die amtlich ausgewiesene Zahl der Arbeitslosen lag im März bei 3,6 Millionen, die ehrlichere der "Unterbeschäftigten" (ohne Kurzarbeit) bei 4,7 Millionen, eine Differenz von 1,2 Millionen (Abb. 14726, 14893). Abzüglich der offiziell gezählten Arbeitslosigkeit hat die in der Unterbeschäftigung versteckte damit im März um nicht weniger als 16,0 % gegenüber Vorjahr zugelegt.


Die so wichtige Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hat in den 6 Jahren seit 2003 kaum zugenommen und nach der letzten Erfassung vom Januar weiter abgenommen (Abb. 04008). Erst recht zeigt sich eine enttäuschende Entwicklung, wenn man langfristig mit 1995 vergleicht. Da ist der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten an allen Beschäftigten von 75 % in 1995 auf nur noch 68.6 % im Januar 2010 zurückgefallen. 2,3 Mio sozialversicherungspflichtig Beschäftigte übten zusätzlich einen geringfügig entlohnten Nebenjob aus - gegenüber dem Vorjahr 63.000 oder 2,8 % mehr -, was die teilweise minderwertige Qualität auch der versicherungspflichtigen Beschäftigung zeigt.

5. Langzeitarbeitslosigkeit
Die besonders bedrückende Zahl der Arbeitslosen, die länger als 12 Monate arbeitslos waren, hat gegenüber dem Vorjahr um 19.000 oder 2 % auf 969.000 zugenommen (ohne Daten zugelassener kommunaler Träger). Ihr Anteil an allen Arbeitslosen erhöhte sich damit um einen Prozentpunkt auf 30 Prozent.
6. Struktur-Effekte der Beschäftigung: Mc Jobs
Bei der Arbeitnehmerüberlassung, die vornehme amtsdeutsche Umschreibung für Leiharbeit, lag die Zahl im letztgemeldeten Monat Dezember 2009 bei 0,6 Millionen oder 12,3 % weniger als Ende 2008. Diese Arbeitnehmer fliegen immer als erste auf die Straße. In den Vorjahren war der Aufbau an Beschäftigung zum größten Teil auf diese unsicheren und in der Regel schlecht bezahlten Zeitverträge entfallen (Abb. 14892). Leider hat die Bundesagentur diese Zahlen in ihrem Märzbericht nicht mehr fortgeschrieben (warum eigentlich?).

Die Zahl der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten, die nicht als arbeitslos gemeldet werden, liegt weiterhin sehr hoch. Sie hat nach ersten Hochrechnungen der Bundesagentur für Arbeit im Januar 4,88 Mio betragen, bei deutlich steigender Tendenz 0,6 % mehr als ein Jahr zuvor.
Dabei sind selbst die negativen Zahlen noch stark geschönt. So trägt die demographische Entwicklung zu einem Rückgang des Arbeitskräfteangebots um jahresdurchschnittlich 147.000 bei. Auch verrät uns die Bundesagentur weiterhin nicht, obwohl ihr die Zahl bekannt sein sollte, wieviel des Rückgangs an Arbeitslosigkeit auf der von ihr angedeuteten systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus beruht. Außerdem wird uns wieder nicht verraten, wieviele derer über 58 Jahre nach der neuen gesetzlichen Regelung nun nicht mehr als arbeitslos geführt werden.
Diese Struktureffekte zeigen sich auch im Auseinanderklaffen der Zahl der Arbeitslosen und der 6,3 Millionen Arbeitslosengengeldempfänger, von denen nur 56,5 % als arbeitslos registriert werden (Abb. 04980). Zwischen August 2006 und Februar 2009 ist der Anteil der arbeitslos Registrierten an allen Empfängern von Arbeitslosenhilfe von seinerzeit 67,3 % stark gefallen (Abb. 14762). Immer mehr Arbeitslose befinden sich in Warteschleifen außerhalb der Statistik, wie oft nutzlosen Weiterbildungs- und Trainingsprogrammen, in niedrigst bezahlter Arbeit von 1 Euro und etwas mehr oder sind statistisch durch vielerlei Manipulationen schlicht ausgemerzt worden. Die Arbeitslosenstatistik ist also immer weniger aussagefähig. Wer staatliche Stütze braucht, hat eigentlich keinen richtigen Job.


7. Internationaler Vergleich
Die Langzeitarbeitslosigkeit ist in Deutschland die fünfthöchste aller Vergleichsländer, dies trotz vieler Manipulationen an der Statistik (Abb. 12999).

8. Zur Qualität der Arbeitsmarktzahlen
Aufgrund einer Neuregelung in 2007 werden viele der über 58-Jährigen nicht mehr als arbeitslos geführt, obwohl sie noch arbeiten wollen.
Nach einem weiteren Gesetz zur Neuregelung von Arbeitsmarktinstrumenten werden seit Mai 2009 alle Arbeitslosen, die durch private Träger betreut werden, nicht mehr als arbeitslos gezählt. Im April 2009 waren Dritte bundesweit für rund 200.000 Personen mit der Vermittlung beauftragt, wobei die Teilnahmen an diesen Instrumenten ab Mai 2009 sukzessive auslaufen. "Unterbeschäftigt" sind nach Bundesagentur im engeren Sinne Personen in berufliche Weiterbildung, Arbeitsgelegenheiten, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Beschäftigungszuschuss, vorruhestandsähnlicher Regelung, Arbeitsunfähigkeit (§ 126 SGB III) sowie im weiteren Sinne zusätzlich Personen mit Gründungszuschuss, Existenzgründungszuschüsse, Einstiegsgeld - Variante: Selbständigkeit oder in Altersteilzeit. Die Unterbeschäftigung im weiteren Sinne soll im März bei 4,7 Millionen gelegen haben (noch ohne Kurzarbeit) und damit 1,2 Millionen mehr als die offiziell ausgewiesene Zahl der Arbeitslosen. Hier wird also Arbeitslosigkeit versteckt.
Außerdem hat die Arbeitsverwaltung seit 2007 die systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus verschärft, ohne den darauf entfallenden „Rückgang" der amtlich gezählten Arbeitslosigkeit zu benennen. Die Zahlen vom März 2010 sind also kaum noch mit denen des Vorjahres vergleichbar. Jedenfalls werden nur noch 56,5 % der Arbeitslosengeldbezieher oder wenig mehr als die Hälfte als arbeitslos registriert.
Siehe dazu auch das Video "Lügenmärchen vom Arbeitsmarkt" auf Youtube.
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