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Von http://www.jjahnke.net/alp.html, Version 15.06.07

Lange habe ich überlegt, ob ich den Vergleich zwischen Deutschland und Skandinavien durch einen mit den Alpenländern Österreich und Schweiz ergänzen soll. Auch hier läuft vieles besser als in Deutschland und sollte daher gut beobachtet werden. Andererseits sind die Alpenländer nicht so homogen wie es die skandinavischen sind, und das kompliziert natürlich jeden Vergleich und kann generelle Feststellungen fragwürdig machen. Mich hat aber auch gereizt, gleichzeitig die Ergebnisse für Skandinavien in Erinnerung zu bringen und so den deutschsprachigen Besuchern der Webseite aus dem Alpenraum auch eine Vergleichsmöglichkeiten ihrer Heimatländer mit Skandinavien zu bieten. Im Durchschnitt liegen die alpenländischen Ergebnisse zwischen den besseren skandinavischen und den schlechteren deutschen. Sie können nun selbst entscheiden, wie erfolgreich dieses Vergleichsunternehmen geworden ist.

Zusammen erreichen die Alpenländer mit 19 % der deutschen Bevölkerung eine Wirtschaftsleistung, die 24 % der deutschen entspricht. Gehen wir nun den einzelnen Faktoren in folgender Reihenfolge nach: Geburtenrate, Bildung, Forschung & Entwicklung, Produktivität, Steuern, Einkommen und Verbrauch, Arbeitsmarkt, Renten, Bruttoinlandsprodukt.

1. Geburtenrate und Altersdurchschnitt

Die Alpenländer haben eine etwas höhere Fruchtbarkeitsrate als Deutschland (Abb. 12484). Dementsprechend ist der Anteil jüngerer Menschen unter 20 Jahren an der Gesamtbevölkerung auch um fast 10 % höher.


2. Bildung

Das alpenländische Bildungssystem, vor allem in der Schweiz, zeichnet sich zunächst durch eine hervorragende Finanzierung aus, und zwar pro Jahr und Schüler von der Vorschule bis zur Universtität etwa um 42 % höher als in Deutschland (Abb. 12485). Besonders auffällig und eigentlich kaum nachvollziehbar ist nach OECD-Berechnungen der enorme Unterschied in den Ausgaben pro Volksschüler von fast 65 % mehr in den Alpenländer. Hier baut sich der große Rückstand Deutschlands in den Bildungsleistungen frühzeitig auf.


Das deutsche Schulsystem leidet neben der Unterfinanzierung vor allem an zwei Schwachstellen: Kinder aus der unteren sozialen Schicht schneiden relativ schlecht ab, ebenso Kinder aus Immigrantenfamilien, die noch dazu in Deutschland besonders zahlreich sind. Die zweite Pisa-Studie von 2004 hat eneut belegt, daß in kaum einem anderen vergleichbaren Industriestaat der Welt der Schulerfolg so abhängig vom Familieneinkommen und der Vorbildung der Eltern wie in Deutschland ist, nur in Ungarn, Belgien und Portugal sind die Aussichten für Kinder aus sozial schwachen Familien noch schlechter. Das ist im übrigen auch das Ergebnis des Armutberichts der Bundesregierung von 2004, demzufolge Kinder von Gutverdienern eine mehr als siebenfach größere Chance, ein Studium aufzunehmen, haben als Kinder aus einem Elternhaus mit niedrigem sozialem Status, relativ wenig Chancengleichheit also.

Nach einer neuen OECD-Berechnung ist an deutschen Schulen für Kinder aus der unteren sozialen Schicht die „Wahrscheinlichkeit" des Versagens in der Basisqualifikation Mathematik um 4,6 mal größer als für Kinder aus der Oberschicht. Dagegen liegt die Wahrscheinlichkeit in den Alpenländern nur um das Dreieinhalbfache höher; besonders Österreich hat hier ein weit besseres Ergebnis (Abb. 12486). Bei Immigrantenkindern der 2. Generation sind die Schulergebnisse in mathematischer Leistung in den Alpenländern nur um 11 % schlechter als die einheimischer Schüler, in Deutschland dagegen um fast 18 % und damit also sehr viel höher (Abb. 12486).


Im Zeitalter des globalen Wettbewerbs besonders wichtig: Die Schweiz zeichnet sich durch eine sehr viel höhere Rate an Erwachsenen im Alter von 25 bis 34 Jahren mit Hochschulabschluß aus; die von Österreich liegt etwas unter der deutschen (Abb. 12487).


3. Forschung & Entwicklung, Produktivität

Bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung liegt die Schweiz über, Österreich unter der deutschen Situation (Abb. 12488).


Die Arbeitsproduktivität ist in Österreich besser, in der Schweiz etwas schlechter als in Deutschland (Abb. 12491).


4. Steuern

Die Alpenländer erreichen ihre eindrucksvolle Wirtschaftsleistung (siehe unten) mit teilweise relativ hohen Steuerlasten, besonders bei den Einkommens- und Gewinnsteuern. Die Steuern als Anteil am Bruttoinlandsprodukt sind vor allem in Österreich erheblich höher als in Deutschland (Abb. 12493), mit Sozialabgaben verschwindet der Unterschied wegen der höheren deutschen weitgehend (Abb. 12494). Die Lohnsteuer einer Einzelperson ohne Kinder als Anteil am Bruttoeinkommen ist vor allem in der Schweiz, aber auch in Österreich wesentlich niedriger (Abb. 12492).




Dagegen sind in den Alpenländern die Einkommens- und Gewinnsteuern als Anteil am Bruttoinlandsprodukt wesentlich höher, nämlich um etwa 30 % (Abb. 12495).


Die Unternehmenssteuern wurden aus Wettbewerbsgründen kräftig abgesenkt und liegen noch um etwa 12 % unter der neuen Steuerbelastung der Kapitalgesellschaften nach der Unternehmenssteuerreform von 2008 in Deutschland (Abb. 12496). Das ist allerdings auch ein teilweiser Ausgleich für die viel höhere Belastung von Einzelpersonen mit Einkommens- und gewinnsteuern sowie in der Schweiz mit Vermögens- und Erbschaftssteuern (Abb. 12497).



Dank der hohen Steuereinnahmen und ohne die Wiedervereinigungslasten ist die alpenländische Staatsschuld als Anteil am Bruttoinlandsprodukt im gewichteten Durchschnitt weniger als drei Viertel der deutschen (Abb. 12498).


5. Einkommen und Verbrauch

Die Löhne und Gehälter sind pro Kopf zu Kaufkrafteinheiten in Euro umgerechnet im Durchschnitt 16 % höher als in Deutschland, wobei der Abstand vor allem bei der Schweiz auffällt (Abb. 12499). Sie sind kaufpreisbereinigt zwischen 2000 und 2006 in den Alpenländern um 5 % gestiegen, während sie in Deutschland bei einem schachen Plus von 1 % stagnierten; auch hier ist der Unterschied vor allem für die Schweiz beachtlich (Abb. 12505).



Die Einkommensverteilung ist dabei in Österreich gleicher, in der Schweiz ungleicher als in Deutschland (Abb. 12504).


Bei einer normalen Einkommensentwicklung hat sich auch der Verbrauch privater Haushalte in den Alpenländern sehr viel besser entwickelt, während er in Deutschland seit 2000 stagnierte (Abb. 12506). Seit 2000 stieg er im Jahresdurchschnitt um 1,2 % gegen nur 0,3 % in Deutschland.


6. Arbeitsmarkt

Den Alpenländern und besonders der Schweiz ist es wesentlich besser gelungen, Frauen in Beschäftigung zu bringen. Der Frauenanteil lag 2005 bei 66 % gegen nur 60 % in Deutschland. Die Beschäftigung Älterer ist in der Schweiz höher, in Österreich niedriger als in Deutschland (Abb. 12507).


Den eigentlichen Erfolg gegenüber Deutschland verzeichnen die Alpenländer bei der Arbeitslosenquote. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist um 78 % niedriger (Abb. 12509), die Arbeitslosigkeit insgesamt um 47 % (Abb. 12508). Dabei schneidet die Schweiz noch etwas besser als Österreich ab. Hier zeigt sich, wie schon beim Vergleich mit Skandinavien, die bittere Kehrseite des deutschen Modells mit gedrosselten Arbeitseinkommen, einer viel schlechteren Verbraucherkonjunktur und unzureichenden Investitionen in die Bildung, vor allem in der Grundschulstufe.



7. Renten

Ungünstig schneidet Deutschland auch im Vergleich bei den Renten ab (Abb. 12513). Beim Vergleich der kleineren Nettorenten mit den jeweils letzten Netto-Arbeitseinkommen liegen die Alpenländer in der Rentenquote um fast zwei Drittel vorn.


8. Bruttoinlandsprodukt

Im Zeitraum 2000 bis 2006 hat sich das alpenländische Bruttoinlandsprodukt um mehr als die Hälfte besser entwickelt als das deutsche (Abb. 12510 und 12511).



Pro Kopf und in Kaufkrafteinheiten ausgedrückt liegt das Bruttoinlandsprodukt in den Alpenländer um 14 % höher als in Deutschland (Abb. 12024).


Das ist ebenfalls ein überzeugender Beweis für einen Wohlstandskurs, der aufbaut auf: höheren Einkommens- und Gewinn-Steuern (bei niedrigerer Lohnsteuer), einem besseren Bildungssystem, höheren Arbeitseinkommen, einer besseren Integration der Frauen sowie der Immigrantenkinder in den Arbeitsmarkt. Der Vorteil zeigt sich nicht zuletzt auf dem Arbeitsmarkt.

Die anschließende Tabelle enthält einen Überblick zu den Werten die in den Alpenländern höher oder niedriger als in Deutschland sind; die Veränderungen sind in Prozent und nicht in Prozentpunkten angegeben (KKP = Kaufkraftparität). Diese Tabelle leidet etwas unter der Aggregierung von Österreich und der Schweiz trotz einer Reihe von Unterschieden zwischen beiden Ländern.